Das bin nicht ich. In meiner Küche schimmelt es eigentlich immer und leider bin auch nur ich dafür verantwortlich, es sauber zu machen. Fluch und Segen des Alleine-Wohnens. Aber es geht auch nicht um die Küche.

Foto: Rieke Duhm
Es macht mich wütend, wenn mich Mitarbeiter in einem Baumarkt verwundert anstarren oder überfreundlich grinsen. Vor allem wenn das Grinsen noch größer wird, wenn sie mir etwas erklären dürfen. Es macht mich wütend, dass der Makler bei meiner (!) Wohnungsbesichtigung mehr mit meinem Vater spricht als mit mir. Und dann noch indirekt fragt, ob ich in den nächsten Jahren vorhabe, schwanger zu werden.
Es gibt viele Gefühle, mit denen man Küchensituationen beschreiben kann. Betroffenheit, Unverständnis, Enttäuschung. Aber für mich ist eins das Wichtigste. Es geht um Wut. Und vor allem mal um Männer.
Es macht mich wütend, dass sich neben mir in der Bahn eine Frau von ihrem (vermeintlichen) Lebenspartner anmeckern lassen muss, weil sie das richtige Brötchen beim Bäcker nicht bekommen hat und bei der Nachfrage, warum ein dunkles Brötchen nicht auch möglich wäre, beugt er sich vor und fuchtelt ihr mit dem Finger im Gesicht herum, um seine Worte zu unterstreichen.
Es macht mich wütend, dass eine Männergruppe in der Vorlesung laut loslachen und Witze reißen darf, wenn eine Frau sie nach einer Schmerztablette fragt. Es macht mich wütend, wenn Männer in Diskussionen immer doppelt so laut wie Frauen reden. Oder gleichzeitig. Oder beides.
Es macht mich wütend, dass Männer sich auf der Rolltreppe direkt hinter oder noch schlimmer neben (!) mich stellen dürfen und mir dabei noch einmal ordentlich in den Nacken oder ins Gesicht atmen. Es macht mich wütend, wenn Männer sich in der U-Bahn so breitbeinig hinsetzen, dass ein anderer Mann locker noch zwischen ihren Beinen einen bequemen Sitzplatz hätte. Und ich als Frau darf mir dann überlegen, ob ich den winzigen Platz neben ihm nehmen und dabei zwangsweise sein Bein berühren möchte oder halt eben einfach stehe.
Mich macht es wütend, dass ich diese Ungleichheiten sehe. Denn ich muss sie sehen. Frau sein hat mich dazu verpflichtet, mich mit diesen Dingen auseinandersetzen zu müssen. Daran kann ich nichts ändern. Diese Ungleichheit begegnet mir täglich.
Es macht mich wütend, dass ich Männer darauf hinweisen muss, leiser zu reden. Es macht mich wütend, dass ich mir in Diskussionen die Worte „nicht alle Männer“ anhören muss. Als ob ein kurzzeitiges Mitgemeintsein gerade wichtiger und verletzender ist als das strukturelle Problem, über das ich gerade spreche. Es macht mich wütend, dass noch kein Mann ein Gespräch mit mir über den Sexismus mit der Frage begonnen hat, was er selbst tun sollte.
Es macht mich wütend, dass ich mir angeeignet habe, weite Jacken zu tragen, wenn ich abends noch weggehe. Weil ich so das Gefühl habe, weniger berührbar zu sein. Dabei sollte ich das Gefühl, berührbar zu sein, einfach nie haben.
Der Sexismus ist mächtig. Und im Gegensatz zu vielen anderen Formen der Diskriminierung hat er es geschafft, nicht nur eine Minderheit strukturell zu benachteiligen. Sondern eine Mehrheit.
Es macht mich wütend, dass es bei Schwangerschaftsabbrüchen darum geht, wie die Frauen sich entscheiden. Wie sie sich (meistens sowieso falsch) entscheiden und wie sie sich verhalten sollten. Es geht nicht darum, welchen Anteil die Männer daran haben. Es redet überhaupt nie jemand über die Männer, die fast Vater geworden wären. Oder wie die sich verhalten sollten.
Es macht mich wütend, dass diese psychische Gewalt- und Machtausübung legal ist. Dass Männer es viel zu oft schaffen, sich in semi-legalen Graubereichen zu bewegen und ein Chef der Bild sich nach Machtmissbrauchsvorwürfen hinstellen und sagen darf „Aber immerhin hat er niemanden sexuell missbraucht“. Dass es bei solchen Vorwürfen den Männern in Chefetagen freigestellt ist, wie sie nun damit umgehen sollen.
Es macht mich am aller wütendsten, dass das Thema Sexismus ein Frauenthema ist. Es ist alles andere als das. Es gibt Frauen, die mitziehen. Die Anerkennung von Männern bekommen, indem sie ihnen zustimmen. Aber das ist kein Gegenargument, sondern genauso ein Teil des Systems. Es bedeutet nicht, dass der Sexismus nicht überall ist. Denn das ist er. Es bedeutet, dass er so prägend ist, dass Menschen vielseitige Wege suchen und gefunden haben, ihm zu entkommen. Es macht mich wütend, dass Frauen in Führungspositionen scheinbar dann vorankommen, wenn sie sich „männliche“ Attribute wie Gefühlskälte oder Strenge aneignen.
Mich macht es wütend, dass Männer dem Sexismus aus dem Weg gehen können, wenn es ihnen gerade passt. Dass sie wegschauen können. Ob von einer schmutzigen Küche, einer unpassenden Bemerkung oder einer übergriffigen Situation. Sexismus ist kein Männerthema, weil es die Männer nicht stört. Und deswegen mögen Männer auch die Frauen, die nicht stören. Die sich der schmutzigen Küche anpassen oder noch besser, sie still und heimlich einfach putzen, ohne etwas zu sagen. Die für sich einen stillen Weg finden, damit umzugehen und es den Männern damit bequemer machen. Noch bequemer.
Es ist ein bisschen wie das Fenster in einer Küchentür. Man kann von außen auf das Chaos in der Küche schauen und sich denken „Oh Mist, das sieht ja irgendwie nicht so gut aus. Da müsste jemand ja mal was machen.“ Man kann die Tür einen Spalt weit öffnen und kurz hineinschauen. In einen Zeitungsbericht, einen Podcast oder zwei kurze Sätze im Wartezimmer oder an der Supermarktkasse. Aber das Entscheidende ist: Es gibt nicht gerade wenig Menschen, die nie aus dieser Küche herauskommen und das Gammelgeschirr der Anderen wegputzen. Es gibt Menschen, die jeden Tag kurz in die Küche kommen, neues schmutziges Geschirr reinstellen und einfach wieder rausgehen. Und dann gibt es immer die, die an der Küchentür einfach vorbeigehen.
Foto: Luca Schneider
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