{"id":2306,"date":"2025-04-21T12:00:00","date_gmt":"2025-04-21T10:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.deinejpn.de\/?p=2306"},"modified":"2025-04-09T12:58:18","modified_gmt":"2025-04-09T10:58:18","slug":"die-werke-von-studio-ghibli-ein-blick-in-die-politik-von-kinderfilmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.deinejpn.de\/?p=2306","title":{"rendered":"Die Werke von Studio Ghibli: Ein Blick in die Politik von Kinderfilmen"},"content":{"rendered":"<p>\u201ePorco Rosso\u201c (1992) ist wohl Hayao Miyazakis am auff\u00e4lligstes politisches Werk. Wenn ein Film \u00fcbersetzt so viel wie \u201eRotes Schwein\u201c bedeutet, dann d\u00fcrfte es auf der Hand liegen, wie der Protagonist politisch steht. W\u00e4hrend des Ersten Weltkriegs macht sich Marco Pagot einen Namen als talentierter Pilot. Und obwohl er als Held gefeiert wird, macht Marco im Krieg eine Erfahrung, die nicht nur seine Attit\u00fcde, sondern auch sein Aussehen ver\u00e4nderte. Marco ist nun ein Schwein, verweigert die Arbeit f\u00fcrs Milit\u00e4r und wird gesucht von der Geheimpolizei der italienischen Faschisten. Marco, inzwischen auch Porco genannt, geht vorbei an einer Mauer mit zerrissenen linken Plakaten und angemalte Spr\u00fcche, die auf Italienisch das Proletariat feiern. Ein Stra\u00dfenbild, das an eine Zeit vor dem \u201eVentennio fascista\u201c, die zwei Jahrzehnte des Faschismus in Italien von 1922 bis 1943, erinnert. Auch Miyazakis sechster Film mag prim\u00e4r wohl ein abenteuerlicher Kinderfilm sein, doch wie viele seiner anderen Werke bringt er eine triste Melancholie mit sich mit.<\/p>\n<p>Heute wissen wir, dass es Studio Ghibli wohl ohne den Journalisten Toshio Suzuki nie gegeben h\u00e4tte. Als er 1978 seinen Job beim Magazin \u00fcber Animation \u201eAnimage\u201c begann, bekam er den Auftrag, \u00fcber einen Klassiker zu berichten, und entschied sich f\u00fcr \u201eTaiy\u014d no \u014cji: Horusu no Daib\u014dken\u201c von T\u014dei Animation. Der Film war damals bereits zehn Jahre alt und nach seinem Flop verlie\u00dfen s\u00e4mtliche Mitarbeiter, inklusive der beiden Hauptverantwortlichen, das Studio. Die beiden K\u00f6pfe hinter dem Film, Isao Takahata, der Regisseur und Hayao Miyazaki, Designer und Haupt-Animator, lehnten es allerdings ab, mit Suzuki \u00fcber Takahatas Deb\u00fctfilm zu sprechen. Stattdessen bekam der Redakteur ein einst\u00fcndiges Telefonat, in dem ihm immer wieder erkl\u00e4rt wurde, dass sie dagegen waren. 1979 probierte Suzuki es erneut, dieses Mal wollte er \u00fcber Miyazakis Deb\u00fctfilm \u201eDas Schloss des Cagliostro\u201c schreiben. Miyazaki wollte ihn erst einfach ignorieren, doch es kam tats\u00e4chlich zu dem Artikel und die beiden begannen sogar eine gute Bekanntschaft. Als Miyazaki dann Suzuki eines Tages von einer Idee f\u00fcr einen dystopischen Film erz\u00e4hlte, wusste Suzuki, dass der Film eines Tages real werden musste. Mehrere Studios lehnten aber ab, weshalb Miyazaki sich entschied, stattdessen einen Manga daraus zu schaffen: \u201eNausica\u00e4 aus dem Tal der Winde\u201c. Der Manga erfreute sich gro\u00dfer Beliebtheit und Miyazaki arbeitete bis 1994 an weiteren Ausgaben. Eine Filmadaptation durfte er aber schon 1984 auf die Beine stellen. Auch Isao Takahata war wieder an Bord, dieses Mal als Produzent, obwohl die beiden sich vor Beginn der Produktion etwa vier Jahre lang nicht mehr gesehen hatten. Der Film tat es seiner Vorlage gleich und feierte gro\u00dfe Erfolge. Viel wichtiger aber noch: Den Dreien gefiel die Zusammenarbeit und sie trafen die Entscheidung, weiter mitzuarbeiten und gr\u00fcndeten Studio Ghibli. Den Namen \u00fcberlegte sich Miyazaki, der sp\u00e4ter in einem Interview dazu sagte: \u201eGhibli ist blo\u00df ein Name, den ich von einem willk\u00fcrlichen Flugzeug habe\u201c. Die Rede ist von einem italienischen Flugzeug aus dem Zweiten Weltkrieg. Doch nicht nur im Namen des Studios zeigte sich Miyazakis Begeisterung f\u00fcr Flugzeuge: Mit den Jahren entwickelte es sich zu einem h\u00e4ufigen Element in seinen Filmen, neben Kritik an der zerst\u00f6rerischen Menschheit, der Manifestation f\u00fcr Umweltschutz und der Selbstbestimmung von M\u00e4dchen und Frauen.<\/p>\n<p>Lauscht man Miyazakis Interviews, dann scheint man einen traurigen Mann vor sich zu haben. Stets mit einer Sch\u00fcrze und einer Zigarette im Mund, gibt er m\u00fcrrisch ein paar Worte auf Japanisch von sich und es w\u00fcrde einen eher wundern, wenn dieser Mann sch\u00f6ne s\u00fc\u00dfe Filme f\u00fcr Kinder&nbsp;machen w\u00fcrde. Doch blickt man in seine Kindheit, dann wundert sein scheinbarer Zustand nicht mehr. Seine ersten Kindheitserinnerungen seien zerbombte St\u00e4dte, es hie\u00df, er w\u00fcrde nicht einmal zwanzig Jahre alt werden und in der Schule galt er als Au\u00dfenseiter.<\/p>\n<p>Vielleicht das pr\u00e4gendste Ereignis in Miyazakis Kindheit mag die Tuberkulose der Wirbels\u00e4ule seiner Mutter gewesen sein. Wegen ihres gesundheitlichen Zustands war sie gezwungen, lange im Krankenhaus zu bleiben. F\u00fcnf Jahre nach dem Tod seiner Mutter verarbeitete Miyazaki 1988 seine Kindheitserinnerungen zu Teilen in \u201eMein Nachbar Totoro\u201c, wo die Mutter der beiden Protagonistinnen ebenfalls \u00fcber l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume im Spital \u00fcbernachtet. So sagte Miyazaki einst, dass er den Film nicht h\u00e4tte machen k\u00f6nnen, wenn die beiden M\u00e4dchen im Film Jungen gewesen w\u00e4ren, da es ihn so zu sehr an seine schmerzhafte Kindheit erinnert h\u00e4tte. Seiner Mutter habe einen gro\u00dfen Einfluss auf ihn gehabt und habe regelm\u00e4\u00dfig soziale hingenommene Normen hinterfragt. Gleichzeit diente sie auch direkt als Vorlage f\u00fcr viele sp\u00e4tere Figuren bei Filmen, bei denen ihr Sohn Regie f\u00fchrte.<\/p>\n<p>In Hayao Miyazakis letztem Film \u201eDer Junge und der Reiher\u201c (2023) gehen wir einem Jungen nach, der damit k\u00e4mpft, seine verstorbene Mutter loszulassen. Viele argumentieren, dass es sein pers\u00f6nlichster Film ist, denn die hier dahingeschiedene Mutter war ebenfalls auf einem Krankenhausaufenthalt, als dort ein Feuer ausbrach. Dar\u00fcber hinaus scheint der Vater Mahitos ebenfalls stark an Miyazakis eigenen Vater angelehnt zu sein, da beide Flugzeugteile f\u00fcrs Milit\u00e4r produzieren und sich aktiv am Krieg bereichern. Auch das sp\u00e4tere Leben des Regisseurs scheint im Film integriert worden zu sein. In gro\u00dfen Teilen spielt der Film in einer magischen Parallelwelt, die von einem Vorfahren Mahitos kreiert wurde und nun von ihm \u00fcbernommen werden soll: Handelt es sich hierbei um eine Parallele zu Miyaziki, dem Sch\u00f6pfer vieler fantastischer Filmwelten, der nun final nach seinem letzten Film die Arbeit seinem Sohn Goro Miyazaki \u00fcberl\u00e4sst? Diesbez\u00fcglich m\u00fcssen noch zwei Sachen erw\u00e4hnt werden. Einerseits das eigenartige Verh\u00e4ltnis, das Miyazaki zu seinem Sohn hat. So hei\u00dft es, dass Goros Zeit mit seinem Vater eigentlich nur \u00fcber das Schauen seiner Filme stattgefunden habe, denn Miyazaki sei in Goros Kindheit sehr abwesend gewesen. Und sp\u00e4ter kritisierte Miyazaki die Werke seines Sohnes. Beispielsweise verlie\u00df er w\u00e4hrend einer Preview von Goro Miyazakis erstem Film \u201eDie Chroniken von Erdsee\u201c (2006) den Saal. Nach der Vorstellung sagte er dann in etwa, dass sein Sohn noch nicht erwachsen sei. \u201e<em>Er ist gut f\u00fcr seinen ersten Film <\/em>gilt als eine Beleidigung. Man muss entschieden sein, die Welt zu ver\u00e4ndern mit seinem Film. Auch wenn sich nicht ver\u00e4ndert. Das bedeutet es Cineast zu sein.\u201c<\/p>\n<p>Anderseits m\u00fcssen wir die Bedeutung hinter seinem <em>letzten <\/em>Film nachgehen. Wer Miyazaki bereits kennt, der wei\u00df, dass viele seiner Werke bereits als \u201esein letzter Film\u201c angek\u00fcndigt wurden. Doch er kam immer wieder aus dem Ruhestand, um sein n\u00e4chstes Meisterwerk herauszubringen. \u201ePrinzessin Mononoke\u201c, ein Epos \u00fcber eine Prinzessin, die den Wald und ihre Bewohner*innen vor der brutalen Industrialisierung und Zerst\u00f6rung sch\u00fctzen m\u00f6chte, war 1997 der erste Film, nach dem er seinen R\u00fccktritt ank\u00fcndigte. W\u00e4re er dabeigeblieben, h\u00e4tte sein folgender Film \u201eChihiros Reise ins Zauberland\u201c 2001 wohl kaum einen Oscar gewonnen, nach dem er erneut erkl\u00e4rte, dass es sein letzter Film sei. Er brachte hiernach aber noch vier weitere Filme heraus und sagte jedes Mal, dass er aufh\u00f6ren w\u00fcrde. \u201eDer Junge und der Reiher\u201c f\u00fchlt sich aber auch wie ein letzter Film an. Wie ein Werk, in dem er die letzten Dinge von sich gibt, die er immer in die Welt rufen wollte und das unterstreicht, wof\u00fcr er schon immer stand.<\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, dass Hayao Miyazakis Filme ungewollt politisch sind. \u201ePorco Rosso\u201c ist, wie bereits erw\u00e4hnt, wohl der, der das am offensichtlichsten sagt, aber wir brauchen im Grunde blo\u00df in seine Karriere blicken. W\u00e4hrend sich sein Interesse f\u00fcr Kunst und vor allem Animation entwickelte, begann er zu studieren und machte 1963 seinen Abschluss in Politikwissenschaften und Wirtschaft. W\u00e4hrend seiner Studienzeit aber verbrachte er oft die Zeit anders und besuchte regelm\u00e4\u00dfig seinen ehemaligen Kunstlehrer, um mit ihm zu zeichnen, zu trinken und \u00fcber das Leben und Politik zu quatschen. Ein weiterer Blick in seinen letzten Film zeigt uns eins seiner Lieblingsb\u00fccher: \u201eHow do you live?\u201c (1936) von Genzabur\u014d Yoshino, das im Film der Protagonist von seiner Mutter bekommt. Es ist in gewisser Weise ein Wegweiser f\u00fcr Kinder und Jugendliche, der sich aus einer kindlichen Perspektive mit Wissenschaft, Geschichte und Philosophie auseinandersetzt und dabei den Wert von Freundschaft erforscht, die auch unabh\u00e4ngig von gleichem wirtschaftlichen Einkommen&nbsp;wundersch\u00f6n sein kann. W\u00e4hrend seiner Arbeit in einer Bibliothek entfaltete sich Yoshinos Interesse f\u00fcr Politik und er begann, sich f\u00fcr sozialistische Theorie zu interessieren. 1931 musste dann f\u00fcr 18 Monate ins Gef\u00e4ngnis, wegen seines Bezugs zu sozialistischen Denkweisen. Japan war zu der Zeit ein stark autorit\u00e4rer Staat, der gerne auch anti-militaristische Literatur verbot. Seine Arbeit brachte er weiterhin in Verbindung mit seinen Idealen und probierte der Zensur zu umgehen, indem er f\u00fcr \u201eHow do you live?\u201c aus seiner Philosophie ein Kinderbuch machte. Doch auch sein Werk wurde 1942 aus den M\u00e4rkten genommen und bei einer erneuten Ver\u00f6ffentlichung nach dem Krieg stark zensiert \u2013 jegliche Erw\u00e4hnung von Imperialismus, Kapitalismus-Kritik, unpatriotischem Verhalten und Problemen von sozialen Klassen wurde gestrichen. Es ist also gut m\u00f6glich, dass auch Miyazaki deshalb seine Werke prim\u00e4r an Kinder richtet, da so seine Aussagen subtiler r\u00fcberkommen. Doch er machte im Grunde nie ein Mysterium um seine Ansichten.<\/p>\n<p>Miyazaki nannte sich in fr\u00fchen Zeiten seines Lebens einen Marxisten und baute verschiedene seiner politischen Meinungen offensichtlich in seine Werke ein. Dass Miyazaki der politischen Linken zuzuordnen war, d\u00fcrfte eigentlich niemanden \u00fcberraschen, doch an dieser Stelle w\u00fcrden sicherlich einige amerikanischen Familienv\u00e4ter irgendwo in Ohio von ihren Sesseln aufspringen und mit einer Shotgun in der Hand schreien, dass sie nichts mit dieser kommunistischen Propaganda zu tun haben wollen und dass sich die Filme gef\u00e4lligst von ihren Kindern fern halten sollen. Doch gerade das, was Miyazaki und auch schon Yoshino mit ihrer Arbeit geschaffen haben, halte ich f\u00fcr wundersch\u00f6n. Ihre Aussagen sind nicht penetrant und nervige Moralpredigten. Denn eine enorme Bandbreite an Kindern und Erwachsenen stimmt den Werten dieser Werke zu, ohne sich den Kopf \u00fcber irgendeine politische Theorie zerbrechen zu m\u00fcssen. Es handelt sich hierbei um eine Erinnerung daran, dass die meisten eine altruistische Natur f\u00fcr richtig halten, ohne es bei von der Gesellschaft&nbsp;oft d\u00e4monisierten Begriffen wie \u201elinks\u201c oder \u201esozialistisch\u201c zu nennen. So sagte auch Miyazaki in den 80ern: \u201eIch m\u00f6chte immer der Gefahren bewusst sein, zu wischiwaschi zu sein, der Beziehungen zwischen Medienmachern und Konsumenten, Kapital und Arbeit bewusst sein.\u201c Miyazaki scheint mit der Zeit noch pessimistischer geworden sein als er schon war und \u00e4u\u00dferte keine Hoffnung darin, dass die Welt sich blo\u00df durch das Eintreten eines anderen politischen System ver\u00e4ndern oder bessern w\u00fcrde, vielleicht spielte gerade deshalb die Natur immer mehr eine zentrale Rolle, denn ihre Macht ist unausmalbar st\u00e4rker als jeder Staat. Egal wie sehr wir die Erde zerst\u00f6ren, eines Tages zerst\u00f6ren wir blo\u00df die Bedingungen, um zu leben, doch die Natur wird ihren Weg zur\u00fcckfinden.<\/p>\n<p>An dieser Stelle ist der Artikel des Jacobin-Magazins zum gleichen Thema von Owen Hatherley nennenswert. Ich hatte die Idee f\u00fcr diese Geschichte schon seit L\u00e4ngerem im Kopf und war dann etwas traurig, als ich auf Instagram den Beitrag dazu sah. Ich m\u00f6chte den Moment aber nutzen und sagen, dass das was ich auf den Slides gelesen habe (ohne Jacobin-Abo konnte ich den ganzen Beitrag nicht lesen) aufarbeiten, da es mir doch etwas zu undifferenziert und parteiisch vorkam. Denn Miyazaki selbst erkl\u00e4rte sp\u00e4ter, dass er einen Wandel in seinen Ansichten hatte und Marxismus f\u00fcr einen Fehler halte. Dar\u00fcber hinaus nennt Hatherley Ghibli das \u201eanti-Disney\u201c, dem ich zwar nicht komplett widersprechen w\u00fcrde, doch f\u00fcr zu einfach halte. Hatherley argumentierte f\u00fcr seine These mit einem Zitat, indem Miyazaki gesagt habe, dass er Disneys Arbeit hasse. Wir d\u00fcrfen aber nicht vergessen, dass Disney mehrere der ersten englischsprachigen \u00dcbersetzungen der Ghibli Filme ver\u00f6ffentlichte. Au\u00dferdem sollte erw\u00e4hnt werden, dass er John Lasseters Arbeit f\u00fcr Pixar sch\u00e4tzte, was zwar nicht&nbsp;Disney direkt ist, doch als Tochterunternehmen in direkter Verbindung zu Disney steht. Gerade heutzutage hat Pixar seinen einzigartigen Glanz verloren und springt auf Disneys Zug<em> Wir machen nur noch Filme, die bereits hervorragende Filme fortsetzen, bis ihre Themen irgendwann so durchgekaut und schei\u00dfe sind, dass keiner mehr Bock auf uns hat.<\/em> Gut wissen tue ich es nicht, aber ja, ich bin mir ziemlich sicher, dass Miyazaki die Entwicklung Pixars missachten wird. Umso tragischer ist es, sich \u201eAya und die Hexe\u201c (2020) von Goro Miyazaki anzuschauen: ein Werk, das mit seiner seelenlosen plastischen 3D-Animation auf alles zu schei\u00dfen scheint, wof\u00fcr Ghibli im Grunde steht. Aber das ist ein Thema f\u00fcr sich. Es ist aber definitiv zu einfach, Ghibli das \u201elinke Disney\u201c zu nennen. Schlie\u00dflich ist immer noch die Rede von einem millionenschweren Unternehmen, das inzwischen in Japan einen eigenen Themenpark hat und auch s\u00e4mtliches Merchandise verkauft. An dieser Stelle empfehle ich stattdessen das Video-Essay \u201eMiyazakis Marxism \u2013 The Politics of Anime\u00b4s Legendary Director\u201c von Zeria auf YouTube zu schauen.<\/p>\n<p>Abgesehen davon fehlte mir in Hatherleys Beitrag aber vor allem eins: ein Einblick in die Werte von Isao Takahatas Ansichten und Wertsch\u00e4tzung seiner Arbeit. Aber auch ich selbst habe bisher kaum \u00fcber ihn gesprochen und m\u00f6chte ein paar Worte \u00fcber ihn verlieren, auch wenn sie ihm nicht gerecht werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Oft gefeiert f\u00fcr seinen Film \u201eDie letzten Gl\u00fchw\u00fcrmchen\u201c (1988) brachte Isao Takahata drei weitere Filme f\u00fcr Studio Ghibli heraus, bevor er 2018 verstarb. Er ist der geniale Mitgr\u00fcnder, dessen Filme oft im Schatten Miyazakis Werke stehen. Sein Antikriegsfilm von 1988 mag zwar noch h\u00e4ufig genannt werden, doch wir vergessen alle die aktivistischen Marderhunde, die Bauunternehmen sabotieren aus seinem Film \u201ePom Poko\u201c von 1994. Die Wertlegung auf Umweltschutz ist vor allem in Miyazakis Werken pr\u00e4sent, doch \u201ePom Poko\u201c zeigt unsere Welt und das Scheitern von Initiativen gegen die zerst\u00f6rerische Menschheit. Seine Aussagen sind dabei verpackt in einer humorvollem Mockumentary und Inspiration von japanischer Folklore. Dort glaubte man, dass die Marderhunde oder Tanuki, tricksende Gestaltwandler seien, die ihre Hoden verformen k\u00f6nnen und zu ihrem Vorteil nutzen. Im Film nutzen die Fabelwesen ihre magischen Kr\u00e4fte, um ihr nat\u00fcrliches Habitat vor Menschen zu sch\u00fctzen und der Menschheit ein Zeichen zu setzen. Gleichzeitig erkundet \u201ePom Poko\u201c die Gier einzelner Anh\u00e4nger der Tanuki-Bewegung, die probieren, mit Gewalt ihre Art am Leben zu erhalten.<\/p>\n<p>Sein letzter Film \u201eDie Legende der Prinzessin Kaguya\u201c von 2013 bedient sich nun nicht blo\u00df inhaltlich, sondern auch k\u00fcnstlerisch von japanischen Legenden. Hier erinnert die Animation an traditionelle japanische Malerei und die Geschichte basiert auf der japanischen Erz\u00e4hlung \u201eDie Geschichte vom Bambussammler\u201c. Was sein Film zeigt, ist der Einfluss von Geld auf einen einst bescheidenen Bambussammler, der eines Tages im Bambus ein winziges M\u00e4dchen findet. Sie altert schneller als alle anderen und wird f\u00fcr eine Prinzessin gehalten. Einst spielte sie noch mit ihren Freunden in der Natur, doch wird ihr die Kindheit weggenommen und sie ist gezwungen, in pomp\u00f6ser Kleidung in Einsamkeit in ihrem Palast zu leben.<\/p>\n<p>Alles in allem mag Miyazaki zwar den Marxismus f\u00fcr sich hinter sich gelassen haben, doch die politischen Themen haben ihn keineswegs verlassen. Heutzutage w\u00fcrde ich seine Werte eher als antifaschistisch und anarchistisch, aber vor allem antimodernistisch beschreiben. Eine Philosophie, die der Menschheit nicht zutraut, verantwortungsvoll mit technischem Fortschritt umzugehen, und zeigt, wie essenziell die Vers\u00f6hnung mit Natur ist. Miyazakis vorletzter Film \u201eWie der Wind sich hebt\u201c von 2013 untermalt diese Aussage nochmal, denn die Flugzeuge, die er als Kunst ansieht, sehen andere als Kriegswerkzeug.<\/p>\n<p>Foto: Sebastian Wimmer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein anthropomorphes Schwein mit Trenchcoat, Sonnenbrille und Hut namens Marco sitzt emotionslos im Kino und futtert N\u00fcsse. Es l\u00e4uft ein Cartoon, dessen Stil an die fr\u00fchen Werke Walt Disneys erinnert. Der B\u00f6sewicht im Zeichentrickfilm ist ein Schwein, das eine um Hilfe schreiende Frau entf\u00fchrt hat. Zu Marco gesellt sich ein uniformierter Mann, offenbar ein alter Bekannter: Ferrari. Der Uniformierte schaut ernst und erkl\u00e4rt dem Schwein die Gr\u00fcnde, weshalb Haftbefehle gegen ihn vorliegen w\u00fcrden: \u201e&#8230; unpatriotisches Schweineverhalten&#8230;\u201c, das Schwein lacht blo\u00df dar\u00fcber. 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