
In der Geschichtswissenschaft gilt er als eurozentristischer Begriff: Der “Nahe Osten” definiert die Region aus dem Blick Europas als weltgeschichtlicher und politischer Fokuspunkt der Welt. Da sind Israel, Palästina, Syrien, Afghanistan eben der “nahe Osten” und China und Japan der “ferne Osten”.
Dass die Weltgeschichte in Deutschland aus deutscher Sicht und in China aus chinesischer Sicht bewertet wird, ist jetzt vielleicht auch nicht unbedingt unüblich. Aber der “nahe Osten” ist ja nicht nur eurozentrisch, der Begriff ist auch zu einem geflügelten Wort geworden. Der Nahost-Konflikt bezeichnet unmissverständlich den Kampf um das Gebiet des früheren Mandatsgebiets Palästinas. Aber der Kampf für oder gegen die Existenz des Staates Israel ist nicht der einzige bestimmende historische Konflikt im “nahen Osten”.
Geografisch kann man auf jeden Fall prägnanter fassen, wovon wir hier eigentlich sprechen:
Im Englischen spricht man schon sehr viel genauer von “Middle East” oder “MENA (Middle East and North Africa)”. Im Deutschen hat sich SWANA “Südwestasien und Nordafrika” etabliert.
Die Region ist bei weitem nicht nur bestimmt vom Israel-Palästina-Krieg, und einen ganzen Kulturraum auf diesen Konflikt zu reduzieren ist mehr als ignorant. Denn es gibt viele Nahostkonflikte.
In Syrien, Iran, Irak und in der Türkei gibt es eine große kurdische Community, die immer wieder von Verfolgung betroffen ist. An der religiösen Minderheit der Alevit*innen wurde ein Genozid verübt. Feministische und queere Bewegungen im Iran und in der Türkei erheben sich gegen ihre Unterdrückung durch repressive Staaten. Im Sudan haben soziale und religiöse Konflikte zu einem Bürgerkrieg geführt. Natürlich ist der Israel-Palästina-Konflikt in den letzten Jahren besonders bedeutend gewesen, aber Nahost-Konflikte gibt es viele. Und alle verdienen wissenschaftliche und journalistische Aufmerksamkeit.
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