Nach den ersten Treppenstufen im Kabarett-Theater Distel begrüßt die Besucher ein Schild, mit dem sich das Theater für “den Staub und die Unansehnlichkeit des Treppenhauses” entschuldigt. Weiter steht dort: “Normalerweise sieht es hier schöner aus. Wirklich.” Furchtbar ungepflegt ist das Treppenhaus aber gar nicht. Beim Platznehmen in der zweiten Reihe auf dem Rang fällt auf, dass es den meisten Zuschauenden an Beinfreiheit mangelt. Als das Theater 1953 in Ost-Berlin gebaut wurde, ging es eben noch um eine andere Freiheit…
Der 21. Juni 2026 markiert das Ende von Bettina Wegners Auftritten als Solokünstlerin. Ort des Geschehens ist wie bei ihren vergangenen Auftritten das Kabarett-Theater Distel in der Friedrichstraße. Ein bedeutungsvoller Ort, wurde dieses Theater doch als Gegenstück zu Kabaretten in West-Berlin gegründet, die den Osten häufig verspotteten. In seiner Geschichte musste sich das politische Kabarett in der DDR jahrzehntelang der staatlichen Kontrolle unterziehen. Der häufige Vorwurf von oben: zu wenig Kritik am Westen, zu viel Kritik am eigenen System. Doch das Ensemble behauptete sich gegen alle Drohungen, Zensuren und Vorschriften – genau wie Bettina Wegner.
Die in Ost-Berlin aufgewachsene Liedermacherin machte sich mit ihrem Aktivismus und ihren gesellschaftskritischen Texten einen Namen. Ihre Heimatverbundenheit geknüpft an ihre Ablehnung des politischen Systems der DDR prägt ihr Schaffen. Als Zwanzigjährige wurde sie für das Verteilen verbotener Flugblätter verhaftet, später bespitzelt und schließlich mit einem Berufsverbot belegt. So konnte sie bis Ende der 1970er nur als oppositioneller Geheimtipp auftreten. Dann ergaben sich für sie Möglichkeiten im Ausland, 1983 folgte ihre Ausbürgerung. Daraufhin zog sie nach West-Berlin.
Einen prima Mann hast du bekommen / jedenfalls hat Vater das gemeint / Schläge hast du schweigend hingenommen / heimlich hast du auf dem Klo geweint.
– No Woman, No Cry (Weine nicht, aber schrei) (1981)
Zu ihrem letzten Konzert begrüßt Bettina Wegner das Publikum mit einigen kurzen Sätzen in brüchiger Stimme. Umso kraftvoller beginnt sie danach zu singen. Karsten Troyke begleitet sie als Sänger und Gitarrist, außerdem ist Jens-Peter Kruse alias El Alemán an der Gitarre und Daniel Weltlinger an der Geige zu hören. Selbst die Gitarre spielen kann Wegner nicht mehr, seitdem ihr Karpaltunnelsyndrom mit einer Operation behandelt wurde.
Gleich zu Beginn kündigt Wegner an, dass sie künftig bei den Konzerten Karsten Troykes Gastauftritte haben werde: “Für drei Lieder reicht’s dann noch.” Troyke ergänzt: “Sie singt dann immer sechs.”
Mehr als sechs Lieder singt sie an diesem Abend – eine Mischung aus gecoverten und selbst geschriebenen Stücken. Zu letzteren gehören “Was ich zu sagen hatte”, “Die Margeriten” und natürlich “Kinder” – das Lied, das mit der berühmten Zeile “Sind so kleine Hände” beginnt. Es ist auch das Lied, das sie eine Zeit lang nicht spielte, weil es sie störte, auf ihr bekanntestes Werk reduziert zu werden.
Gerade, klare Menschen / wär’n ein schönes Ziel / Leute ohne Rückgrat / hab’n wir schon zu viel
– Kinder (1976)
Der Abend ist auch geprägt von besonders menschlichen Momenten: Wegner verspringt mehrmals in den Textzeilen auf ihrem Papier. Ursache ist ihre Makuladegeneration, wie sie erklärt. Mehrere Lieder fängt sie von vorn an. Beim ersten Mal fragt sie das Publikum in ihrem Dialekt vorsichtig: “Darf ick noch mal?”
Wegners Lieder zeichnet aus, dass sie aktuell sind, seitdem es sie gibt. “Mir scheint, die Welt geht aus den Fugen, bringt sich um / die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr” heißt es in der zweiten Strophe von “Was ich zu sagen hatte” aus dem Jahr 1995. In “No Woman, No Cry” von 1981 schafft sie es, in wenigen, klaren Worten die Geschichte einer unterdrückten Frau zu erzählen.
Bei jedem Lied singt Bettina Wegner jedes Wort mit einer Kraft und einer Hingabe, die man kaum beschreiben, nur erleben kann. Von ihren Coverversionen singt sie auch das Antikriegslied “Universal Soldier” und “Tanz mich bis zur Liebe Schluss”. Ihre Umdichtung von Leonard Cohens “Dance Me to the End of Love” beendet den Abend. Dann gibt es Standing Ovations und die zu Tränen gerührte Wegner bekommt Blumen überreicht.
Viele Zuschauende lassen sich nach dem Konzert ihre Bücher und CDs von Wegner signieren und bedanken sich bei ihr für ihr Lebenswerk. “Ich kann nicht mehr. Jetzt müssen andere weitermachen”, sagt Wegner am Signiertisch.
Wer sich jetzt intensiver mit der Lebensgeschichte der Liedermacherin beschäftigen möchte, dem sei die Dokumentation “Bettina” von Lutz Pehnert wärmstens ans Herz gelegt. Sie ist auf der Website der Bundeszentrale für politische Bildung abrufbar.





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