Eine Tochter sitzt am Krankenbett ihrer Mutter. Sie spricht zu ihr und hofft, dass sie sie hören kann. In der darin eingerahmten Haupthandlung folgt ein Gespräch zwischen besorgter Mutter und zielstrebiger Tochter, die plant, ein Kind zu adoptieren. So beginnt „Madre“ von der katalanischen Autorin und Dramatikerin Marta Barceló. Aus dem Spanischen übersetzt von Birgit Kirberg und inszeniert von Mareike Spengler kommt es im studentisch geprägten Theater im OP auf die Bühne. Seinen Namen erhielt das Theater aufgrund seiner Spielstätte – die war früher ein Operationssaal des alten Klinikums der Universität Göttingen. Dieser Saal ist gut gefüllt, als das Stück „Madre“ Premiere feiert.
Die beiden Protagonistinnen erfinden im Anschluss an ihr Gespräch eine bilderbuchhafte Kindheit für die Tochter, die sie in Wahrheit nie hatte. Wie ein Puzzle aus zahlreichen Zeitsprüngen fügt sich die Geschichte nach und nach zusammen.
Die Beziehung der beiden Frauen basiert auf einer Vertragsunterzeichnung. Die Witwe Esperanza, 62, gespielt von Anja Kütemeyer, hat sich immer ein Kind gewünscht und nun Geldsorgen. Um den einen Wunsch zu erfüllen und das andere Problem zu lösen, gibt sie eine Zeitungsannonnce auf. „Man kann alles kaufen und verkaufen, was man will – Warum nicht auch eine Mutter?“, fragt Esperanza.
Darauf meldet sich Amparo, 32, gespielt von Anika Bittner. Die Besitzerin einer Werbeagentur ist beruflich erfolgreich, zugleich aber einsam. Ihre Mutter hat sie nach der Geburt verlassen, ihr Vater starb, als sie acht Jahre alt war. Sie wuchs im Kinderheim auf und wurde nie adoptiert. „Ich habe mir immer eine Mutter gewünscht“, sagt Amparo, eine „emotionale Bedürftigkeit“ verspürt Esperanza. Schnell kommen die beiden überein: Für 600 Euro pro Monat ist Esperanza fortan Amparos Mutter. Unterbrochen wird die Handlung immer wieder von Sequenzen einer Kindheit in Liebe und Geborgenheit, gezeigt in Fotos und Videos auf einer Leinwand und gespielt von weiteren Mutter-Tochter-Paaren, die miteinander spielen. Es ist genau das, was die beiden Frauen nie erleben konnten.

Nach einem Jahr ziehen die beiden Bilanz: Beide äußern Bedürfnisse und Wünsche, verhandeln Klauseln des Vertrags – und wachsen zusammen. Beim Sherrytrinken rollen die beiden ihre unglückliche Vergangenheit auf. Die beiden Frauen erkennen: Sie profitieren nicht nur voneinander, sie sind eine Familie geworden. Doch nach drei Jahren will Esperanza den Vertrag nicht verlängern und Amparo stattdessen adoptieren.
Klar wird: Menschliche Gefühle lassen sich nicht in ein wirtschaftlich-vertragliches Korsett pressen. Auch wenn die konkrete Idee unkonventionell und realitätsfern wirkt, vereint die Geschichte echte, ernste Themen. Die etwas hölzern geschriebenen Dialoge zwischen Mutter und Tochter enthalten einige Redundanzen und Floskeln. Klug aneinandergereiht sind die vielen Zeitsprünge: Zu Beginn wird die Geschichte erzählt, ohne dass ihr Kern benannt wird. Abseits der ernsten Themen sind die Gespräche der Protagonistinnen mit einem einfachen, aber passenden Humor versehen – was das Publikum immer wieder zum Lachen bringt. Die beiden Hauptdarstellerinnen zeigen solide Leistungen.
Was dieses Stück stark macht, ist seine enorme Steigerung: Die erste Hälfte, in der sich die Handlung allmählich aufbaut, lässt kaum vermuten, dass die zweite so viel besser wird. In den späteren Sequenzen finden sich deutlich bessere Dialoge, in denen die unterschiedlichen Bedürfnisse von Mutter und Tochter präzise herausgearbeitet werden. Dabei ist besonders – auch im Streit – ihre gegenseitige Zuneigung immer spürbar. Mit viel Fingerspitzengefühl werden die Akzente der unterschiedlichen Empfindungen der Protagonistinnen treffend gesetzt. Ein Besuch ist klar zu empfehlen – besonders mit der eigenen Mutter.





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