Junge Presse Journal

Professor Vincent van Berg: DAS AUGE DER MAUS

Die Junge Presse kann nicht nur bierernsten Journalismus, sondern auch wirklich kreativ sein – zeigt uns Autor und Hörspielproduzent Silas Hintze mit seiner Kurzgeschichte.

Das rote Auge einer Maus lugt aus dem Loch heraus.
Es funkelt durch die Dämmerung … Das Herz gerät in Hämmerung.
‘Das Herz von wem?’ Das Herz von mir! Ich sitze nämlich vor dem Tier.
O, Seele, denk an diese Maus! Alle Dinge sind voll Graus

Christian Morgenstern, Galgenlieder

Licht durchbricht die Dunkelheit. Ich öffne die Augen. Ein paar Sekunden blicke ich mich benommen um, bis ich realisiere, dass ich mich in meinem Bett befinde. Eine Petroleumlampe schimmert mir entgegen und blendet mich. Ich muss blinzeln, ehe ich die Gestalt erkenne, die sich über mich beugt und meine Schultern umklammert.

„Schnell, wach auf“, flüstert Marian und hält mir die Lampe ins Gesicht. Ihre Stimme klingt verängstigt. „Was ist denn los?“, frage ich schlaftrunken und blicke in ihre panischen Augen, die durch den Raum irren. „Du bist ja bleich wie der Tod. „Sie dreht sich um und starrt in das dunkle Schlafzimmer. Die Lampe lässt Schatten über die Wände tanzen. „Jemand ist hier. Ich bin mir ganz sicher. Ich kann es fühlen. “ „Was soll das heißen?“ „Hast du nicht das Klopfen gehört? Da ist jemand im unteren Stockwerk.” „Du irrst Dich, Marian. „ Ich lächle beschwichtigend und greife nach ihrer Hand. Sie ist schweißnass und zittert. „Das war nur der Wind, der um das Haus heult.”

Ich kann nicht sagen, wie oft meine Ehefrau nachts in Panik erwacht, in der festen Überzeugung, eine geisterähnliche Gestalt befände sich im Haus. Seit dem Tod ihrer Tochter aus erster Ehe häufen sich die Angstzustände. Die Ärzte verschreiben ihr Tabletten, doch die Angst schleicht hinter ihr her wie Schatten. Sie sieht Personen, die es nicht gibt, hört Stimmen, die nicht existieren. „Ich habe Schritte gehört.” Wieder dreht sie sich um und starrt panisch in den menschenleeren Raum. In das menschenleere Haus hinter sich. Ihre Familie besaß ein großes Vermögen, von dem Marian sich die Villa Vlinder gekauft hatte. Das Anwesen thront, abseits der Stadt, auf einem von Tannenwäldern umgebenen Hügel. Geld macht krank. Das Geld hatte meine Ehefrau krank gemacht. Wer reich ist, lebt in der permanenten Angst, dass ihm jemand das Geld nehmen will. Hat immer Angst vor Personen, die ihnen Böses wollen. Wie ein Mäuslein, das sich verzweifelt an sein Käsestück klammert, obwohl es doch die Falle schon schnappen hört.

„Leg dich wieder hin und versuche zu schlafen.” Ich greife nach ihrer Hand und streichle sie sanft. Dann drücke ich ihr einen Kuss auf die Wange. „Dort draußen ist nichts, gar nichts. Wir sind ganz alleine in diesem Haus, das versichere ich dir.” Mit diesen Worten drehe ich mich auf die andere Seite und schließe die Augen. Ich höre noch, wie meine Ehefrau scharf die Luft einzieht. „Du glaubst mir nicht!“, ruft Marian und springt aus dem Bett auf. „Du denkst, dass ich mir etwas einbilde. Du hältst mich für eine alte Schachtel, die Gespenster sieht.” „Natürlich nicht.” Ich lächle beschwichtigend und richte mich schwerfällig auf. Der Wahn hat längst wieder Besitz von ihr ergriffen. Dann streife ich mir missmutig meinen Morgenmantel über und schlüpfe in die Pantoffeln. „Aber wir können uns gerne vergewissern, dass niemand hier ist.”

Langsam schlurfe ich zur Tür und trete in das Treppenhaus hinaus. Jede Nacht das gleiche Theater. Marian greift nach der Petroleumlampe und krallt sich an mich. Ich spüre, wie ihr ganzer Körper bebt. Ihr muss schrecklich kalt sein, denn sie trägt nur ein dünnes Nachthemd. Sicheren Schrittes trete ich in das Treppenhaus hinaus, das sich in das untere Stockwerk zum Salon schlängelt. Auf halbem Weg bleibt Marian am Fenster stehen und starrt in den Garten hinaus. „Beeil dich, Liebe, damit wir schnell wieder ins Bett kommen“, sage ich und lege ihr sanft die Hand auf die Schulter. Marian zuckt zusammen, als hätte sie meine Anwesenheit vollkommen vergessen. „In dem dünnen Nachthemd holst du dir sonst den Tod.” Ich kneife die Augen zusammen und starre ebenfalls durch das Fenster in die Nacht hinaus. Im Garten vor der Villa ist nichts zu sehen. „Sie ist hier“, sagt Marian wie in Trance, ein Lächeln auf den fahlen Lippen. „Ich kann es spüren. „Hier ist nichts, nicht mal eine Maus“, sage ich beifällig und ziehe entschlossen den Vorhang vor das Fenster. Schon bin ich im Begriff, mich auf den Weg zurück in mein Bett zu machen, als ich abrupt innehalte. Das Geräusch war nur ganz leise zu vernehmen. Und doch klingt es laut in meinem Ohr, schneidet so scharf wie Glasscherben in mein Bewusstsein. Glasscherben. Irgendwo ist ein Fenster zu Bruch gegangen. Klirren. Leise. Entfernt. Irgendwo in diesem Haus. Ich fahre herum und hebe die Lampe. Vor mir liegt der Salon. Die dicken Samtvorhänge schirmen das Mondlicht ab. Der Raum ist stockdunkel. Ich höre Marian neben mir laut und unregelmäßig atmen. War es Einbildung? Ich schaue meine Frau an, möchte sie beruhigen. Sehe in ihre Augen, die sich von der Dunkelheit abheben. Sie hat das Geräusch auch gehört. Ein altes Sprichwort schießt mir in den Sinn: Wenn einer neunundneunzig Mal falschen Alarm auslöst, weil er ruft, der Wolf würde kommen, wird ihm beim hundertsten Mal niemand mehr glauben. Ob der Wolf dann kommt oder nicht. Und der Wolf kommt…

Die Kriminalgeschichte „Das Auge der Maus“ war Teil des Krimi-Seminars. Es handelt sich um den ersten Mord von Professor van Berg, der als Serientäter ins Gefängnis wandert und als Assistent der Londoner Polizei zurückkehrt. Nachdem das Verbrechergenie seinen ersten Auftritt im Hörspiel „Der Mord auf Zimmer 155“ hatte, wird im Juli 2019 erstmals eine Geschichte verfilmt. Vor der Kamera stehen bekannte SchauspielerInnen wie Peter Meinhardt und Elga Schütz, auch Helmut Krauss (deutsche Stimme von Marlon Brando) wirkt mit. Als Setting dient die neugotische Villa Windthorst (Foto).

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Silas Degen

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