blog.jungepresse.de

Nichtschwimmer

Eine Kurzgeschichte

Sie stand vor der schweren Eichentür. Die Tür, vor der jeder warnte. Die Tür, die in Verderben führte. Ein letztes Mal atmete sie durch und umschloss den kühlen Türknauf. Mit einem leisen ‚Klick‘ öffnete sie die Tür und sofort kam ihr ein warmer Luftstrom entgegen. Als sie weiter in den Raum trat, umgab sie ein goldenes Licht und die Staubkörner schienen in der Abendsonne zu einer stummen Melodie zu tanzen.

Wie von Zauberhand schloss sich die schwere Holztür und ließ sie allein. Der Boden knarrte unter ihren Füßen und gab mit jedem Schritt ein wenig nach. Am Fenster angekommen schaute sie durch das fleckige Glas hinunter in den Garten. Man sah im an, das er schon lange nicht mehr gepflegt worden war und trotzdem war er auf seine eigene Weise wunderschön. Das Gras war hüfthoch und auch war hier und dort ein bunter Farbklecks zu sehen. Sie lächelte, wand sich nun dem hinteren Teil des Raumes zu und erstarrte.

Vier Schritte vor ihr türmten sich Bücher über Bücher. Texte über Texte. Wörter über Wörter. Buchstaben über Buchstaben. Langsam ging sie auf einen der Stapel zu. Auf dem obersten Buch lag eine dicke Staubschicht und behutsam, ja sogar ängstlich, das dicke, mit rotem Stoff eingeschlagene Buch, kaputt zu machen, entfernte sie die Staubschicht und strich über den Einband. Rau und robust.

Foto: Henry Be (Unsplash)

Doch plötzlich zog sie ihre Hand weg, als stünde der Stoff in Flammen. Denn sie erinnerte sich, vor was einem die Gesellschaft gewarnt hatte. Die hypnotisierende Wirkung, der Sog, in den man von Texten gezogen würde. Bücher seien unnütz und die Geschichten darin Humbug. Auf das Lesen selbiger war die Höchststrafe ausgesetzt. Und obwohl diese Erinnerungen kamen, gingen sie auch wieder.

Angezogen von dem Bann des Verbotenen, nahm sie das Buch in die Hand und schlug es auf. In ihm ein Meer an Buchstaben, in das sie so gerne eintauchen wollte. Aber sie durfte es doch nicht! Andererseits sah sie jetzt niemand. Würde sie kein schlechtes Gewissen bekommen? Während sie so umher tigerte, blieb ihr Blick an einem großen Schaukelstuhl hängen, der in dem Schatten eines großen Stapels stand. Vorsichtig zog sie diesen hervor und rückte ihn vor das Fenster. Langsam ließ sie sich auf das bunte Kissen sinken und legte das rote Buch in ihren Schoß. Sie atmete tief durch, schlug es auf und tauchte hinab in die Zeilen, Sätze, Wörter, Buchstaben. Doch was sie nicht wissen konnte: sie hatte nie gelernt zu schwimmen.

Johanna Lucks

Johanna Lucks hat 2021 erfolgreich ihr Abitur abgelegt und leitete mehrere Jahre die Schülerzeitung an ihrer Schule. Nach ihrer Schulzeit freut sie sich, durch die Junge Presse Niedersachsen und ihr Studium der Medien- und Kommunikationswirtschaft journalistisch tätig zu bleiben.

Kommentar schreiben

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.