Junge Presse Journal

Alles anders

Kaum ein Konzept lässt sich so schwierig in die Kategorien “positiv” oder “negativ” einordnen, wie die Veränderung. Weil sie von Katastrophe bis zum höchsten Glück fast alles bedeuten kann.

Die einzige Konstante im Universum ist die Veränderung” – das wusste bereits der griechische Philosoph Heraklit vor etwa 2500 Jahren. Ein Blick in den nächtlichen Sternenhimmel, unseren Kosmos, hinterlässt ein Gefühl von Starrheit und Ewigkeit: seit Milliarden von Jahren stehen die Sterne an Ort und Stelle, alles bleibt, wie es ist. Während für unser Auge das Universum stillsteht, merken wir nicht, dass wir selbst mit rund 108.000 Kilometern pro Stunde durch das All fliegen. Nicht jede Bewegung ist sichtbar.

Veränderung ist das Gegenteil von Stillstand – alles fließt: Raum, Zeit, Grenzen, verfestigt geglaubte Strukturen, Vorstellungen von Werten und Normen, sowie soziale Gefüge. Unsere Lebensrealität unterliegt einem ständigen Wandel, von dem niemand sagen kann, wann er begonnen hat. Etwas bewegt sich, vielleicht nach vorne, vielleicht aber auch zurück.

Sucht man nach Studien und Daten über Veränderungsprozesse beim Menschen, taucht dieser darin vor allem als (Mit-)arbeiter*in, Führungskraft oder in Teams auf. „Wie schaffe ich es, dass meine Mitarbeiter*innen Bereitschaft zur Veränderung zeigen?”, scheinen sich viele Führungskräfte zu fragen. Im Job scheint das eine gewünschte Eigenschaft zu sein, nach dem Motto „Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit”. Die Anpassung an das ökonomische System als Schlüssel zum Erfolg, dieses Narrativ bedienen auch die unzähligen „Karrierecoaches”. Sie machen allen auf Instagram und YouTube ein schlechtes Gewissen, der nicht jede freie Minute seines Lebens in Selbstoptimierung stecken möchte. Die Botschaften sind immer die gleichen: Du machst etwas falsch in deinem jetzigen Leben, nur Veränderung heißt Verbesserung. Du hast es in der Hand, dein Leben zu ändern – selbst schuld, wenn du es nicht tust.

Also, alles umkrempeln, jetzt wird alles anders! Doch halt. Wenn sich etwas ändert in unserem Leben, dann ist das oft mit Unsicherheit verbunden. Ein neuer Weg breitet sich vor uns aus – doch wo führt er hin? Oft wissen wir es nicht. Wir wissen nur, dass der Status quo uns irgendwie auch nicht glücklich macht. Fühle ich mich wohl in der neuen Stadt? Werde ich in meinem neuen Job ankommen? Ist eine Trennung der richtige Schritt? Solche Fragen lassen sich meist erst beantworten, wenn es schon zu spät ist, die Entscheidung getroffen ist und es keinen Weg mehr zurück gibt. Oder nur einen sehr schwierigen. Keiner kriecht gerne beim Expartner zu Kreuze oder ist scharf darauf, die Eltern zu bitten, wieder bei ihnen einziehen zu dürfen.

Manchmal gibt es keinen Weg zurück

Daher scheuen wir uns oft davor, Entscheidungen zu treffen, die Veränderungen nach sich ziehen. Denn ein Gefühl bringt die Unsicherheit viel zu häufig mit sich: Angst. Die Angst, in der neuen Stadt seine Heimat zu vermissen. Die Angst, keinen Spaß im neuen Job zu finden. Die Angst, die Trennung vom Partner später zu bereuen. Per se etwas Schlechtes ist Angst jedoch nicht, ist sie doch der ursprünglichste Instinkt des Menschen. Sie bewahrt uns davor, uns in Gefahr zu begeben, falsche Dinge zu tun und vorschnell Entscheidungen zu treffen.

Allerdings verhindert sie auch, dass wir uns nötigen, sinnvollen Veränderungen stellen. Wenn ein Tapetenwechsel dringend nötig wäre, der aktuelle Job unglücklich macht, oder einen die Beziehung nur noch kaputt macht, verheißen Veränderungen einen positiven und wünschenswerten Fortschritt. Denn selbst wenn nicht alles toll ist, hat man es sich gemütlich gemacht in der zwar etwas miefigen, aber mollig-warmen Umgebung des Vertrauten mit dem allzu bekannten Gesicht der Gewohnheit. Schwierig einzuschätzen, welche Veränderungen gut sind und welche nicht, zumal viele davon eine Mischung aus beidem sind. Weil wir eben meist erst hinterher schlauer sind, ist unsere Einstellung hier oft ambivalent, frei nach Fettes Brot: „Soll ich’s wirklich machen oder lass ich’s lieber sein? Jein!”

Manchmal gibt es keinen Weg zurück | Foto: Javier Allegue Barros / Unsplash

Ohnmacht und Unerwartetes

Steuererhöhungen, das Wetter, die Pünktlichkeit der Bahn: Auf manche Dinge, die sich in unserem Leben ändern, haben wir nur einen verschwindend geringen Einfluss. „Wenn ich doch bestimmte Dinge beeinflussen könnte”, denkt sich nicht nur jemand, der im Stau steht, sondern wohl jede*r hin und wieder auch bei existentiellen Fragen. Gesellschaftlicher Wandel ist Kern unseres Daseins, wobei manches nach unserem Empfinden viel zu schnell kommt, und anderes einfach nicht in Sicht scheint oder schier ewig dauert. Die lähmende Ohnmacht, mit der wir unbeeinflussbaren Entscheidungen und Prozessen gegenüber stehen, zeigt sich zum Beispiel bei tiefgreifenden politischen Ereignissen. Sie reißen uns aus dem Alltag und rufen uns plötzlich wieder ins Gedächtnis, wie schnell sich für alternativlos gehaltene Gegebenheiten einer neuen Wirklichkeit anpassen können. Noch die Generation unserer Eltern hätte sich vor knapp dreißig Jahren nicht vorstellen können, je in einem geeinten und friedlichen Europa zu leben. Was auch 1989, kurz vor dem Mauerfall, noch als alternativlos und nicht vorstellbar galt, wurde nur wenige Monate später von einer neuen Realität eingeholt. Solche Momente sind es, die uns immer wieder vor Augen führen, dass Veränderung auch im Großen möglich ist und oftmals unerwartet kommt. 

Vereinfacht man Politik sehr stark, spalten sich die Fronten meist in diejenigen, für die am besten alles so bleiben soll, wie es ist (oder noch lieber einen Schritt zurück gehen wollen) und diejenigen, die den Status quo mehr oder weniger schnell hinter sich lassen möchten. Erstere finden sich im Allgemeinen im Sammelbecken des Konservatismus wider, letztere lassen sich dem progressiven Lager zuordnen. Die Konservativen eint der Anspruch, erst gründlichst zu überprüfen, ob eine Veränderung nötig oder sinnvoll ist, und ansonsten lieber auf Nummer sicher zu gehen und alles beim Alten zu belassen. Dahingegen sehen die Progressiven nur im Fortschritt gute Chancen für Verbesserung, wobei ab und an das Sicherheitsbedürfnis zurückstecken muss.

Wenn sich etwas verändert, in unserem direkten Umfeld oder auf gesamtgesellschaftlicher Ebene, haben wir verschiedene Arten und Möglichkeiten, darauf zu reagieren: Die einen sehen die Situation als Chance, selbst aktiv zu werden oder stoßen sogar den Wandel an. Die anderen erstarren im Anblick der Veränderungen, die auf sie zukommen. Bei ihnen entsteht ein Gefühl von Machtlosigkeit. Sie wehren sich gegen Neues, Unbekanntes, denn das kann, wie schon erwähnt, Angst machen. 

Nichts in Stein gemeißelt

Noch verunsichernder als die unbekannten Folgen unserer eigenen Handlungen sind Veränderungen, die nicht von uns selbst ausgehen und denen wir scheinbar machtlos gegenüberstehen. Wenn dann bei großen politischen oder gesellschaftlichen Veränderungen noch komplexe Zusammenhänge unverständlich bleiben und Entscheidungsprozesse den Anschein einer Black Box haben, ist der Weg nicht mehr weit zu antidemokratischen Haltungen, Hass auf Eliten, Verschwörungserzählungen und Angst vor allem und allen Fremden. Wie Menschen auf Wandel reagieren, hängt zwar auch von ihrer politischen Orientierung ab, ist aber keinesfalls in Stein gemeißelt. Studien haben gezeigt, dass linksorientierte Menschen konservativere Züge zeigen, wenn sie sich bedroht fühlen. Gleichzeitig können konservative Menschen weiter nach links rücken, wenn sie sich in Sicherheit wähnen.

Es wird häufig behauptet, dass die nach der Wende Geborenen in Deutschland kaum gesellschaftliche Veränderungen erlebt haben. Klar, tiefgreifende zeitgeschichtliche Ereignisse, die auf einmal unsere ganze Gesellschaft veränderten, gab es nicht wirklich. Viele wissen noch ganz genau, was sie gemacht haben, als ein gewisser Unternehmer und TV-Star zum US-Präsidenten gewählt wurde. Bei den etwas Älteren (also vor Mitte der Neunziger geborenen) trifft das wohl auch auf den Terroranschlag am 11. September 2001 in New York City zu. Doch das Leben auf den Kopf gestellt haben beide Ereignisse wohl bei den wenigsten, die hierzulande leben. Wir erinnern uns so genau daran, weil die plötzliche Veränderung mit starken Emotionen verbunden ist.

Einschneidende Erinnerungen, hervorgerufen durch ein unerwartetes Gefühlschaos, bleiben bei schleichenden Prozessen eher aus. Denn der Wandel hat es an sich, dass er uns oft erst auffällt, wenn er schon weit fortgeschritten oder sogar abgeschlossen ist. Er fällt uns erst auf, wenn uns beim Aufräumen eine alte VHS-Kassette in die Hände fällt oder wir uns auf Fotos von früher kaum noch wiedererkennen. 

Die Pandemie als große Veränderung

Viele Veränderungen geschehen schleichend, in kleinen Schritten, machen sich erst kaum bemerkbar, und ändern unseren Alltag doch auf lange Sicht betrachtet ganz grundlegend. Es sind keine Systemumbrüche, es verschieben sich keine Ländergrenzen, doch die vermeintlich unbedeutsamsten Veränderungen haben allzu oft den größten Einfluss auf die Art, wie wir leben. In der Summe sind sie plötzlich nicht mehr unbedeutsam.

Solch einen Prozess durchlebt unsere Generation gerade jetzt durch die Corona-Pandemie bewusster denn je. Im Nachhinein werden wir vielleicht von einem „plötzlichen” Einbruch des Virus über uns sprechen, und relativ betrachtet stimmt das auch. Die Veränderungen, die es mit sich bringt, sind einschneidender und geschehen schneller, als wir es gewohnt sind. Doch von einem Tag auf den anderen, wie es gerne mal in den Medien postuliert wird, hat sich unsere Welt trotzdem nicht verändert, wenn man es genau betrachtet. Stattdessen hat sich die Krise über Wochen verschärft und ebenso die Auswirkungen auf unsere Leben. Die ersten Meldungen aus dem weit entfernten Wuhan, Witze über das Virus trotz erster Infizierter in Deutschland, dann kippt die Stimmung: erste ernsthafte Sorge und Vermeidung des Handschlags, abgesagte Veranstaltungen, Abstandsgebot, geschlossene Läden, das vorrübergehende Ende des öffentlichen Lebens, Maskenpflicht – all dies kam nach und nach.

Gewöhnung an Neues und Unbekanntes

So hatten wir Zeit, uns daran zu gewöhnen, und zwar so sehr, dass bereits jetzt von einer „neuen Normalität” die Rede ist. Wenn sich im Fernsehen Menschen die Hand geben, haben einige Menschen bereits das Bedürfnis, laut „Abstand!!!” zu rufen, und in Videokonferenzen und Home Office scheinen viele mehr Vor- als Nachteile zu sehen. Selbst ein nicht geringer Teil derjenigen, die zu Beginn der Beschränkungen kaum mit der Situation zurecht kamen, fanden Wege, sich den Gegebenheiten ein Stück weit anzupassen. „Es ist nicht gut, aber man gewöhnt sich dran” ist eine viel gehörte Stimmungslage in diesen Tagen. Schließlich ist man ja nicht der oder die einzige, die jetzt seinen Alltag umstellen muss.

Vielleicht ist das der entscheidende Punkt in unserer Fähigkeit, mit Veränderungen zurecht zu kommen: Das gelingt, wenn wir wissen, dass es Anderen genauso oder ähnlich geht. Man stelle sich vor, man wäre der einzige Mensch, der kaum noch Freunde treffen, auf Veranstaltungen gehen, verreisen oder in die Schule gehen darf. FOMO – „Fear of missing out”, würde sich zu Recht in einem breit machen, die Angst, etwas zu verpassen. Doch wenn wir wissen, dass wir nicht alleine sind mit unseren Gefühlen – Angst, Zweifel, Wut –, dass wir alle mehr oder weniger im selben Boot sitzen, gibt das ein Stück weit Gelassenheit und Sicherheit. 

Wer sich Veränderungen gegenüber sieht, braucht Wegbegleiter*innen an der Seite | Fotos: Greg Rakozy / Unsplash

Dies ist der Grund, warum wir gesamtgesellschaftliche Veränderungen tendenziell leichter ertragen können, als einen Wandel, mit dem wir allein gelassen werden. Zusammenhalt ist der Schlüssel dazu, wie Gesellschaften Veränderungsprozesse erfolgreich meistern können. Und der ist auch möglich, wenn sich nur in unserem individuellen Leben etwas ändert. Das Zauberwort heißt hier Empathie. Sich hineinversetzen zu können in Menschen, denen es anders ergeht und deren Empfindungen wir trotzdem anerkennen und zumindest ansatzweise nachvollziehen können. 

Anstatt auf Karrierecoaches zu hören, die durch Veränderungen einen besseren Gehaltsscheck in Aussicht stellen, sollten wir uns in Mitgefühl coachen lassen. So kann eine Selbstoptimierung der Gesellschaft gelingen, die mit Veränderung zurecht kommt und die Konstanz des stetigen Wandels anerkennt. Anstatt von der durch das Weltall rasenden Erde herunter zu springen, lohnt es sich dann, auf ihr sitzen zu bleiben, sich entspannt zurückzulehnen und zu schauen, wo es hingeht. Wie auch die Erde auf ihrer Umlaufbahn kommen wir nämlich immer wieder an Punkte, die uns vertraut sind und sowieso sitzen wir alle im selben Boot beziehungsweise auf dem selben Planeten.

Fotos: Greg Rakozy / Unsplash

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Florian Bastick & Elena Everding

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