Junge Presse Journal

Von der Freiheit, Abstand zu halten

Menschen brauchen Nähe und Berührungen zum Leben. Das haben wir in den letzten Monaten durch das Abstandsgebot mehr denn je gemerkt. Doch nicht jede Berührung ist in Ordnung, vor allem nicht, wenn sie nicht gewollt ist. Für unsere Autorin Elena Everding wirkt das ständige Einhalten von körperlicher Distanz zu Fremden deshalb sogar befreiend.

Die Hand auf der Schulter, um ein Gespräch einzuleiten oder eine leichtes Schieben an der Hüfte, obwohl ein „Dürfte ich bitte einmal durch?“ auch sehr gut funktioniert hätte. Der viel zu lange, einnehmende Händedruck. Der warme Atem im Nacken in der Schlange an der Kasse. Solch unangenehme Begegnungen im öffentlichen Raum, eigentlich immer mit Männern, hatte ich dank des Abstandsgebots seit einigen Wochen nicht mehr. So schlimm die aktuellen Umstände sind, das vermisse ich zumindest nicht aus meinem früheren Leben.

Das liegt nicht daran, dass ich nur zu Hause bin und keine fremden Menschen sehe, auch wenn dies natürlich weniger geworden ist. Denn ich gehe nach wie vor zur Arbeit und treffe dort Menschen, bewege mich im öffentlichen Raum, wenn ich es muss. Doch plötzlich begleitet mich dabei immer eine Maxime: Abstand halten!

Eingriff in die Intimsphäre

Ich habe schon immer, meist unbewusst, einen gewisse körperliche Distanz zu anderen Menschen gehalten. Für mich ist das ein Ausdruck von Respekt gegenüber des personal space Anderer, also dem Mindestabstand zu fremden Leuten, mit dem sich jemand noch wohlfühlt. Wird er überschritten, kann sich das anfühlenwie ein Verletzen der eigenen Intimsphäre – und schnell zu Übergriffen führen. Ich fühle mich einfach unwohl, wenn mir Menschen auf die Pelle rücken, denen ich nicht sehr nahestehe, und befürchte ungewollte Berührungen. Vor allem, wenn es ohne Not geschieht, also eigentlich genug Platz zum Abstand halten wäre. Im Gedrängel ist es zwar auch unangenehm, aber ebenso unvermeidbar.

Vor der Corona-Krise habe ich immer wieder Erfahrungen mit Menschen gemacht, denen das Respektieren dieses Raumes offensichtlich egal ist, die allermeisten davon Männer. Weil ich mich selten traue, in solchen Situationen spontan etwas zu sagen, oder sogar laut zu werden, ist meine Strategie: Ausweichen, weggehen, mich aus der Berührung winden. Und grundsätzlich Abstand halten zu Männern, von denen ich eher erwarte, ein Kandidat für die Überschreitung meiner persönlichen Grenzen zu sein. Diese wiederum bringen mir immer wieder Unverständnis entgegen: „Ich beiße doch nicht“, „Keine Angst“, „Nicht so schüchtern“ oder ein Nachrücken in meine Richtung waren nur einige der Reaktionen. Durch Gespräche  mit Freundinnen oder weiblichen Bekannten weiß ich, dass es vielen Frauen genauso geht. So gut wie jede Frau, die ich frage, kann von einer Situation berichten, in der ein Mann ihre persönlichen räumlichen Grenzen ignoriert hat.

Ungewohnte Freiheit

Das Abstandsgebot hat nun etwas Grundsätzliches verändert: Auf einmal wird mein Bestehen auf physischen Abstand in der Regel akzeptiert und respektiert. Menschen weichen von alleine auf der Straße aus. In der Bahn setzt sich kein zwielichtiger Typ mehr neben mich, obwohl noch sehr viele andere Plätze frei sind. Und der ältere Herr auf dem Pressetermin legt nicht mehr beim Reden väterlich seine Hand auf meine Schulter. Und wenn ich jemanden doch nochmal auf fehlenden Abstand hinweise, tritt die Person meist entschuldigend einen Schritt zurück, anstatt mir Schüchternheit vorzuwerfen. Andersherum folgt mir der Gesprächspartner nicht mehr in meine Richtung, wenn ich zurückweiche. Ich erschrak selbst darüber, dass ich zurzeit teilweise mit einem befreiten Gefühl auf die Straße gehe. Klar liegt das auch daran, dass momentan einfach viel weniger öffentliches Leben stattfindet. Doch ich gehe nach wie vor die Tür, einkaufen, joggen, arbeiten und fahre ab und zu mit der Bahn. Wuselige Menschenmassen ermöglichen Grabschern zurzeit kein Abtauchen in der Anonymität. Selbst auf Demonstrationen, sonst ein dichtes Gedränge, halten die meisten Teilnehmer wenigstens etwas Abstand zueinander.

Erst Regeln sorgen für Veränderung

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir trotz der positiven Seite dieses Umstandes bewusst, dass es eigentlich traurig ist. Wieso braucht es erst eine Pandemie, damit Menschen den persönlichen Raum Anderer respektieren? Dass sich jemand durch die körperliche Nähe schlichtweg unwohl fühlt, scheint als Argument nicht auszureichen – es braucht erst von der Regierung erlassene Regeln und die Angst vor Ansteckung. Es sollte vielmehr in unserem Selbstverständnis verankert sein, auf die Grenzen unserer Mitmenschen zu achten und unser Bestes zu geben, sie nicht zu übertreten. Indem ich auf Signale anderer achte, aufmerksam bin. Das Stichwort heißt hier Empathie. Während wir diese gerade in einer Krisensituation üben können, wäre es doch schön, wenn auch nach deren Abklingen etwas davon in unserem Zusammenleben erhalten bleibt. Und ein wenig Hoffnung habe ich, dass die Abstandsregeln sich so fest in unser Gehirn einbrennen, dass auch nach deren Aufhebung etwas davon in unserem Umgang miteinander hängen bleibt. Vielleicht lernen Menschen ja jetzt, dass man mit einem höflichen „Dürfte ich bitte mal durch?“ statt der Hand auf dem Körper mindestens genauso gut durch den Alltag kommt.  

Foto: Ryoji Iwata (Unslpash) 

Elena Everding

Elena Everding

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