Junge Presse Journal

Heute schon perfektioniert?

Eine Reflexion über den Selbstoptimierungswahn, der bei vielen auch während der Pandemie keine Pause macht.

Alle, die können, bleiben zu Hause. Mit einer so drastischen Veränderung der Lebensumstände geht auch ein Wandel des individuellen Lebensstils einher – das bedeutet für viele ein Verzicht auf soziale Kontakte, Sport oder Hobbys. Für die meisten ist das keine freiwillige Veränderung. Viele müssen sich zusätzlich fragen: Werde ich meinen Job behalten? Kann ich meine Miete weiterhin bezahlen? Kann ich meine Eltern oder Großeltern dieses Jahr noch wiedersehen? Was passiert, wenn es mich erwischt?

Ängste und neue, ungewollte Erfahrungen haben wir gerade genug. Über die Umstände der Pandemie muss nicht mehr viel gesagt werden, jede*r erfährt sie selber. Aber es gibt ja auch die schöne Seite: endlich haben wir Zeit, uns den wirklich wichtigen Dingen zu widmen. Mal das Zimmer streichen, Saftkur, mit dem Meditieren anfangen, am besten sprechen wir nach acht Wochen besseres Französisch und haben alle ein Sixpack. Self Care! 

Druck zur Veränderung

Der Wunsch, die zusätzliche Zeit sinnvoll füllen zu wollen, ist verständlich. Aber die vielen Influencer*innen, die ihre neuen Corona-Diätpläne anpreisen und fleißig dafür werben, jetzt endlich mal ein Buch zu lesen oder mit dem Gärtnern anzufangen, bauen auch Druck auf. Es scheint, als wäre nur die ständige Veränderung der Idealzustand. Inmitten einer Pandemie geht es scheinbar immer noch nur darum, noch ein bisschen perfekter zu werden. Wenn ich mich in den sozialen Medien umschaue, wirkt es, als könne niemand so richtig mit sich selbst in Frieden alleine sein. Und mir selbst geht es da nicht anders. 

Unbequeme Auseinandersetzung

Warum ist es so schwer für uns, diese Zeit zu erleben, ohne zusätzlich Erwartungen an uns selbst aufzubauen? Wer sind wir, wenn wir uns nicht gerade noch besser machen wollen? Vielleicht ist es unbequem, sich in der Isolation mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Sicherlich sind wir es auch gewohnt, durch den Leistungsdruck in Schule, Uni und Arbeit immer noch ein bisschen geben zu wollen, als gerade nötig ist. Und wenn die To-Do-Liste leer ist, dann schreibt man eben noch einen neuen Punkt drauf.

Besonders deutlich wird das mit Blick auf den eigenen Körper. Auf Instagram wimmelt es von #quarantineworkout-Posts und Rezeptideen gegen die „Corona-Pfunde“. Anfang Mai ging ein Foto der Sängerin Adele viral, auf dem sie deutlich dünner aussieht als bisher. Angeblich hat sie  in den letzten Monaten mit der „Sirtfood-Diät“ 45 Kilo abgenommen. In dieser Diät wird die Kalorienzufuhr auf 1000 bis 1800 Kilokalorien begrenzt. Adeles Gewichtsabnahme wird in den sozialen Medien als Erfolg gefeiert. Ob das tatsächlich so ist, geht dabei eigentlich nur sie selbst und ihre*n Ärzt*in etwas an. Die Begeisterung darüber ist symptomatisch dafür, wie wichtig Selbstoptimierung in unserer Gesellschaft wahrgenommen wird, und wie sehr wir Stagnation dagegen als Versagen lesen.  

Auf sich und andere aufpassen

Ich wünsche mir, dass wir unsere eigene Unsicherheit in einer unsicheren Situation als legitimes Gefühl annehmen und uns klarer machen, dass wir nicht täglich neue Rekorde in der eigenen Produktivität erzielen müssen, um einen erfolgreichen Tag gehabt zu haben. Im Moment sollte es ausreichen, auf sich selbst und andere aufzupassen. Das sollte im Übrigen auch außerhalb von Pandemien ein akzeptabler Normalzustand sein. 

Foto: Oleg Ivanov/Unsplash

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Swantje Petersen

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