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Tiemo Wölken macht Lust auf Europa

„Politikern kann man eh nichts glauben“, „Es fehlen Politiker, mit denen ich mich identifizieren kann“, „Wählen? Warum? Es ändert sich doch eh nichts. Die Parteien sind alle irgendwie gleich“ – diese Sätzen, die mir in meinem Alltag schon das eine oder andere Mal entgegenschlugen, sind Teil eines immer präsenter werdenden Phänomens: Politikverdrossenheit.

Je jünger die Menschen sind, desto weniger hat man das Gefühl, dass der Stand politischer Debatten in ihrem Leben eine Rolle spielt, der Glaube daran besteht, Dinge, die einen stören, verändern zu können. Das ist tragisch und angesichts  des Aufstiegs von populistischen Europa-Gegnern in vielen Staaten der EU – in Deutschland einer AfD, die laut aktuellen Umfragen auf dem besten Wege dahin ist, zur zweitstärksten „Alternative“ des Landes aufzusteigen –  sogar dramatisch. 

Auch ich muss gestehen, dass ich vor meiner Reise nach Brüssel Probleme hatte, genau zu erklären, was dort eigentlich genau gemacht wird. Das liegt natürlich in erster Linie an mir selbst, schließlich gibt es genug Möglichkeiten, sich über Beschlüsse, Parlamentsdebatten oder auch ganze aktuelle Themen der Europäischen Union, wie Asylpolitik oder Brexit zu informieren. Aber es liegt eben auch daran, dass auch bei mir ein bisschen der Glaube verloren gegangen war, dass sowohl im Bundestag als auch in Europa jemand  sitzen könnte, mit dem Identifikatonspotenzial besteht. Nach meinen drei Tagen im Herzen Europas sehe ich das inzwischen anders.

Tiemo Wölken im Gespräch

Am letzten Tag in Brüssel treffen wir Tiemo Wölken, 32, von der SPD. Er ist eines der jüngsten Mitglieder des Parlaments, im Haushaltsausschuss tätig und verkörpert das, was ich – und ich glaube auch die jüngere Generation allgemein – sich wirklich wünschen. Kurz zuvor haben wir mit Jens Gieseke (CDU) gesprochen. Gieseke ist 47 Jahre alt und im Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit tätig. Gieseke kann „schnacken“, weiß wie er einen Gesprächspartner auskontert, holt lange aus und kommt am Ende irgendwie doch auf den Punkt. „Politiksprech“ in seiner Reinform. Elektromotoren findet er offenbar nicht gut, einen Hybrid hält er für die beste Variante Er hält nichts von Planwirtschaft und glaubt, dass die Industrie schon die richtigen Lösungen parat haben wird, damit die umweltfreundlichste und wirtschaftlichste Lösung gefunden wird. „Ist das sonst nachhaltig?“, fragt Gieseke an diesem Tage öfter und beantwortet sich die Frage direkt selbst: „Ich denke nicht.“ Auch beim Thema Lobbyismus und Transparenz umschifft Gieseke gekonnt die kritischen Fragen und lässt die Nachwuchsjournalisten ins Leere laufen.

„Das sind Menschen, die Hilfe benötigen.“

Tiemo Wölken

Tiemo Wölken ist da anders. Beim ihm hat man das Gefühl, dass er versucht auch kritischen Fragen mit großer Offenheit zu begegnen. Gerade als es um das Thema Asylpolitik der EU geht, wird deutlich, dass dieses Wölken auch persönlich berührt, für ihn die Zahl der Flüchtlinge nicht einfach nur eine Nummer ist: „Das sind Menschen, die Hilfe benötigen.“ Er schildert seine Ideen, bringt sie auf den Punkt, formuliert seine Ziele klar.Der 32-Jährige möchte dass finanzielle Anreize für Gemeinden bereitgestellt werden, um Flüchtlinge aufzunehmen. Auch hier fragen wir kritisch nach: „Bleibt da denn nicht ein fader Beigeschmack, wenn man Menschen hilft und dafür auch noch Geld bekommt. Sollte es nicht ein ganz normaler Impuls sein zu helfen?“ Der SPD-Parlamentarier sieht das eigentlich auch so, weiß aber aufgrund der Vergangenheit, dass es so nicht funktioniert und sucht nach Lösungen Wölken ist nicht nicht zurechtgestutzt und hat ein gutes Gespür dafür, dass er dem Bürger auf Augenhöhe begegnen sollte und dass  einfache Antworten im Politikalltag eine absolute Ausnahmeerscheinung sind.  Auch wenn in dieser knappen Stunde nicht alle Nachwuchsjournalisten seine Einstellungen teilen, wird eines deutlich: Tiemo Wölken macht Lust auf Politik, macht Lust auf Europa. Und ist vielleicht wirklich eine echte Alternative, um dem Populismus zu begegnen. 

Nicolas Tréboute

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