Junge Presse Journal

Das Rezept zur goldenen Stimme

Wir hängen an den Lippen unbekannter Gesichter. Schließen wir die Augen, stehen Luke Skywalker und Spongebob vor uns. Doch bei diesem Gespräch geht es nicht um Heldentaten oder Burgerbraten – es geht um die Menschen, die hinter dem Mikro stehen und den Figuren ihre Stimmen leihen.

„Wir müssen unsere Aktivitäten im Untergrund besser organisieren. Sonst könnten wir als nächstes verhaftet werden“, ruft Hendrik Massute und gestikuliert wild mit den Armen. Zwischen seinen Zähnen steckt ein Filzstift. Doch sobald man die Augen schließt. scheint Massute an einer Zigarre zu ziehen. Der Filmschauspieler (Forensiker im „Tatort Hamburg“ und „Fritz Lang“) ist Sprecher im Historienhörspiel „Die Schlangenbande“ und wir können miterleben, wie er seine Texte vertont.

„Wir müssen unsere Aktivitäten im Untergrund
besser organisieren. Sonst könnten wir als nächstes
verhaftet werden.“

Hendrik Massute in „Die Schlangenbande“

Und diese Arbeit ist alles andere als einfach. Wer Hörspiel- oder Synchronsprecher*in werden möchte, braucht viele Eigenschaften und muss sich einiges aneignen. „Kopf, Fantasie und Handwerk. Oder in unserem Fall Mundwerk“, bezeichnet Werner Wilkening die Anforderungen, die sein Job mit sich bringt – und das auf Knopfdruck.
Ein Synchronsprecher*in müsse in der Lage sein, jede Emotion im Bruchteil einer Sekunde hervorzurufen, so Arndt Schmöle, Dozent für Hörspiel- und Synchronsprechen an der „Akademie Deutsche POP Hannover“.

Jeder Satz muss sitzen

Die deutschen Übertragungen im Synchronbuch sind nicht nur inhaltlich, sondern auch klanglich an die Originale angepasst. Vollverschlusslaute wie b, p und m können nicht auf geöffnete Lippen des Schauspielers gesprochen werden und anders herum. Der/Die Synchronsprecher*in muss seinen/ihren Atem dem des/der Schauspieler*in angleichen und wenn der Satz im Original vorbei ist, sollte das der deutsche auch sein. Das kann zu Schwierigkeiten führen, wenn der englische Satz „but that’s my secret“ (vier Silben) im deutschen zu „wenn Sie brav sind, dürfen Sie auch mal an denen schnuppern“ (14 Silben) wird – wie wir selbst im Tonstudio der Deutschen POP ausprobieren durften.

Hendrik Massute ist eigentlich vor der Filmkamera zuhause, nun steht er hinter dem Mikrofon | Foto: Athena Macke

Brotlose Kunst

Die beeindruckende Aufgabenfülle und die Leidenschaft, mit der die Synchronsprecher*innen erzählen, stehen in krassem Gegensatz zu den Voraussetzungen, auf die sie im Berufsleben treffen: Der Text eines Filmes wird vor Aufnahmebeginn in sogenannte Takes aufgeteilt. Ein Take ist die kleinste Einheit Text, die man vom Rest trennen kann. So ein Take kann so kurz sein, wie das eben genannte Beispiel, oder aber sich über mehrere Sätze strecken.
Ein Profi spricht in der Stunde 40 Takes ein. Für einen Take erhält man circa 2,50€. Zeit sei Geld, da sind sich alle im Raum einig. Und das spiegele sich auch in der Arbeitsatmosphäre wider. Wenn Hans-Georg Panczak uns von den Synchronaufnahmen für „Die Waltons“ in den 70er-/80er-Jahren erzählt, klingt das Ganze nach Spaß: eine ganze „Großfamilie“ aus Synchronsprecher*innen in einem Studio.
Heutzutage hingegen wird fast nur noch gekreuzt aufgenommen. Das bedeutet, dass die eine Figur in einem Dialog an einem anderen Tag aufgenommen wird, als die andere. Was früher eine Ausnahme war, wird zur Routine. Das spart Geld und erleichtert die Planung, aber es macht den Job des/der Synchronsprecher*in noch schwieriger, als er ohnehin schon ist, denn man hat niemanden, mit dem man in die Emotion hineinkommen kann. Man hat niemanden zum Anspielen.

Für den Beruf des/der Synchronsprecher*in gibt es keine staatlich anerkannte Ausbildung. Die meisten bekannten und erfolgreichen Synchronsprecher*innen wurden entweder als Kind entdeckt und sind in die Aufgaben hineingewachsen oder haben sich alles autodidaktisch beigebracht. 

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Koko Lana Hörr

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