Junge Presse Journal

Und alles, was bleibt, ist seine Stimme

Mit der Krankheit fing alles an. Tim Caspers ist Hörspielsprecher. Doch die Zeit rennt.

„Das ist mein Papa.“ Stolz zeigt Lenja, die kleine Tochter von Tim Caspers, ihren Mitschüler*innen die neuesten Hörspiele ihres Vaters. Der ist nämlich Hörspielsprecher. Vielleicht habt auch ihr seine Stimme bereits in dem ein oder anderen Hörspielserie wie „John Sinclar“, „Sherlock Holmes & Co.“ sowie „Dreamland Grusel“ vernommen und euch gefragt, wer sich eigentlich hinter dieser angenehm rauen Stimme verbirgt.

Tim Caspers ist ein absoluter Quereinsteiger in der Hörspielbranche, den es durch einen außergewöhnlichen und leider tragischen Grund in das Gewerbe verschlagen hat. Er hat eine nicht heilbare Lungenerkrankung, die seine Lebenserwartung drastisch verkürzen wird. Als der damals noch Anfang 30-Jährige von seiner Diagnose erfuhr, stellte sich ihm nur eine Frage: Was konnte er seiner kleinen Tochter hinterlassen, was sie auch nach seinem Tod noch an ihn erinnern würde? Geld? Wertgegenstände oder andere Reichtümer? Die hatte er nicht und kämen für ihn auch nicht in Frage. „Ich wollte meiner Tochter etwas von dem mitgeben, was ich kann und was mich ausmacht.“, erklärt Caspers.

Besagte Tochter ist inzwischen acht Jahre alt. Ihr ist der Grund für seine doch recht späte Karriere in der Hörspielbranche nicht komplett offenbart worden. „Sie weiß, dass ihr Papa schwer krank ist, aber nicht, welches Ausmaß das annehmen wird.“, schildert Caspers die Lage.

Tim Caspers ist Hörspiel-Fan und kann als Sprecher mittlerweile selbst auf der Hörmich Autogramme verteilen | Foto: privat

Ein ganz besonderes Erbe

In den letzten Monaten und Jahren habe er viel Zeit gehabt, um Hörspiele zu hören. Und so war für den leidenschaftlichen Kassettensammler die Antwort schnell formuliert: Was ihn ausmacht ist seine Stimme! Die Aufgabe für die nächste Zeit war somit klar: Er wollte seiner Tochter diesen Teil seiner Selbst hinterlassen, aufgenommen und gespeichert in Form von gesprochenen Geschichten. „Ich wollte ein Hörspiel einsprechen, damit meine Tochter dann sagen kann: Das ist mein Papa.“

Aus einem Hörspiel wurden dann doch etwas mehr und es entstand das Projekt „Meine Stimme für Lenja“. Bereits im Schicksalsjahr 2013 lernte Caspers den Hörspielproduzenten Thomas Birker von Dreamland Productions kennen, der seine Idee von Anfang an unterstützte und ihm seine ersten Sprecherrollen organisierte. Mit zahlreichen Kontakten in der Branche half Birker, andere Hörspiel-Produzent*innen kennenzulernen und für das Vorhaben zu begeistern. Kurz darauf wurde Caspers Stimme auch von Tom Steinbrecher für eine Rolle bei Steinbrecher Productions engagiert und so nahm das Ganze seinen Lauf. Caspers erlangte zusehends Bekanntheit in der Hörspiel-Szene. „Das hat irgendwie Wellen geschlagen in der Szene, womit ich auch gar nicht gerechnet habe.“ In den vergangenen sechs Jahren folgte ein Projekt dem anderen und mittlerweile ist seine Stimme in insgesamt 86 Hörspielen zu hören.

Doch nun ist Schluss.

Doch wie es sich schon zu Anfang abgezeichnet hatte, findet die Stimmkarriere von Caspers baldig ein Ende. Zu seiner bereits schwer ausgeprägten Lungenerkrankung ist im April 2019 auch noch akutes Leberversagen gekommen, sodass er seinen Besuch bei der Hörmich-Messe in Hannover Anfang September als offizielles Karriereende festgelegt hat. „Ich möchte jetzt einfach die Zeit nutzen, Vater zu sein, Lebenspartner zu sein, Bruder, Freund, was auch immer. Aber ich hab jetzt keine Zeit mehr für Hörspiele. Das klingt zwar komisch, aber so ist es halt“, meint Caspers.

Darum muss ich euch leider Mitteilen, das ich meine Tätigkeit als Sprecher einstellen werde. Wie meine Ärzte mir gestern mitteilten,
hat sich mein Gesundheitszustand gravierend verschlechtert und mir steht ein harter Kampf bevor über dessen Sieg oder Niederlage keiner zu mutmaßen wagt.

Tim Caspers, Mitteilung auf timcaspers.beepworld.de

Er habe in den letzten sechs Jahren eine Grundlage geschaffen, mit der er in Erinnerung bleibt und ab jetzt sei es Zeit, sich auf die Familie und seine Freund*innen zu konzentrieren. Das letzte Kassettenband ist zum Ende gelangt. Was bleibt, ist die Stimme.

Avatar

Verena Fahlbusch

Kommentar schreiben

Artikel