Junge Presse Journal
No.4 Findelleiche - Gasmaske (© Victor Gütay)

„Filmdrehs unter Einschränkungen sind kein Einschnitt, sondern ein Privileg“

Die Filmbranche hat ihren anfänglichen Corona-Schock überstanden und längst rotieren die Filmrollen wieder. Aber welche Spuren hat die Pandemie im Bereich des Ausbildungsfilmes hinterlassen? Nachwuchsregisseur Silas Degen hat einen Blick in die Filmuniversitäten des Nordens geworfen.

Ich habe selten ein frustrierendes Gefühl erlebt, als zum Telefonhörer zu greifen und einen Filmdreh abzusagen. Wochenlang hatten wir im März 2020 auf den Dreh meiner Schwarzen Komödie „Findelleiche“ hingearbeitet, die im Rahmen eines Seminares zu Radikalität im Film von der Universität Hildesheim realisiert werden sollte. Im Mittelpunkt steht ein Medizinstudent, der seine Leiche für die Anatomieprüfung im Bus vergessen hat. Das Fundbüro der Stadt Hildesheim hatten wir in ein Leichenschauhaus verwandelt, die Technik angemeldet und die Bahntickets der Schauspieler*innen waren gebucht. Der Sarg stand unter dem Treppenverschlag des Stadtbüros und wartete auf seinen großen Tag. Doch im Zuge des ersten Corona-Teillockdowns blieb mir keine andere Wahl, als den Film auf Eis zu legen. Als überhaupt wieder an Drehs zu denken war, waren Monate ins Land gezogen und die Filmwelt eine andere geworden: Für professionelle Filmproduktionen herrschten strenge Auflagen und sämtliche Schauspieler*innen sowie Crew-Mitglieder schienen am Drehen zu sein, mussten doch die Filme der vergangenen Monate nachgeholt werden. Der Ausbildungsfilm hingegen musste sich selbst seine Lösungen suchen. Neben der Problematik, dass Corona-Auflagen oder Sicherheitsberatungen mit Geld verbunden sind und sich kaum Schauspieler*innen dieser Tage einem Hochschulprojekt ohne Bezahlung widmen konnten, fand ich trotz Recherche keine gesonderten Corona-Empfehlungen für studentische Filmproduktionen. Sind filmische Student*innenproduktionen dieser Tage überhaupt erlaubt? Und welche Auflagen gelten am Set?

Welche Regeln gelten bei studentischen Filmproduktionen?

Dass es im Bereich des Ausbildungsfilmes nur so von Graubereichen wimmelt, ist keine Neuheit. Es beginnt bei der rechtlichen Einordnung der Produktion sowie falscher Einordnungen als „Ehrenamt“ in Verträgen der Mitwirkenden und endet bei den Haftungsbedingungen. Und auch die Sicherheitsmaßnahmen in Corona-Zeiten sind juristisch nicht einheitlich, sondern werden von den Filmschulen definiert. „Findelleiche“ stellte als Spielfilm eine Ausnahme an der Universität Hildesheim dar, handelte es sich doch bei den ansonsten realisierten Projekten in 2020 ausschließlich um Dokumentarfilme. Diese brachten den Vorteil mit sich, dass in winzigsten Teams von 2 Personen gedreht werden konnte: Der Regie und einer*m Techniker*in für Kamera und Ton in Personalunion. „Wir sind keine der großen Filmuniversitäten und konnten kurzfristig nicht anders auf die neue Lage reagieren“, sagt Professorin Monika Treut zur Spezialisierung auf dokumentarische Formate. Um auch bei kleinen Teams für Sicherheitsmaßnahmen am Set zu sorgen, griff sie auf die offiziellen Maßstäbe der DFFB zurück.

„Die Studierenden sollen wissen, wie es im Profi-Bereich zugeht, denn diese Regeln werden ihnen später wieder begegnen.“

Professorin Monika Treut, Filmemacherin und Dozentin (Universität Hildesheim)

An den großen Filmschulen des Nordens – die Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Berlin und der Hamburg Media School (HMS) – konnten sämtliche Spielfilmvorhaben realisiert werden, was jedoch tiefgehende Abwandlungen oder sogar gänzlich neue Drehbücher erforderten. „Man muss sich von dem Gedanken freimachen, was alles nicht geht“, betont Professor Richard Reitinger, Künstlerischer Leiter der HMS. „Es geht beim Film ja gerade darum, aus Nichts wirklich viel zu machen. Wenn du nicht über Millionen an Produktionsbudget verfügst, kannst du auch nicht alle deine utopischen Wünsche wahr werden lassen. Und in diesen Zeiten überhaupt drehen zu dürfen, ist kein Einschnitt sondern ein Privileg.“ Ein Großteil der Filme wurden in Außenkulissen der Natur verlagert, da sich dort leichter Drehgenehmigungen erwerben ließen. Besondere Kreativität musste zum Beispiel der Kurzfilm „I am“ unter der Regie von Jerry Hoffmann unter Beweis stellen: Den Studierenden gelang es, einen Science Fiction Film mit nur zwei Schauspielerinnen in einem von Wäldern umgebenen Ferienhaus zu realisieren. Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen habe sie die Komplikationen am Set unterschätzt, beteuert Produzentin Stella Flicker. Die neuen Drehbedingungen hätten am persönlichen und liebevollen Umgang gezerrt, von dem ein Filmteam lebt. „Eines Abends nach Drehschluss war der Himmel so klar und so voller Sterne, dass wir uns im Garten aufstellten und die Sternschnuppen genießen konnten“, erzählt die Flicker. „Nach den langen und stressigen Tagen unter Atemmaske und stets mit Vorsichtsabstand, war das ein ganz besonderer Moment.“ An mancher Stelle hätten die Studierenden sogar von den gänzlich neuen Drehbedingungen im Erfahrungsschatz profitiert. Während der Filmarbeiten in Zelten zu schlafen, um die Quarantäne nicht zu unterbrechen, habe für einen besonderen Zusammenhalt und Gemeinschaftsgefühl im Team gesorgt, berichtet Richard Reitinger. Er vergleicht den Film mit einem Symphonieorchester: Derzeit könnten nicht alle Instrumente spielen, dann müsse man halt mit weniger Sänger*innen ein Rockkonzert daraus machen.

Noé (Sheri Hagen, links) wird beim Frühstück von Ela (Melodie Wakivuamina) beobachtet und imitiert | Foto: Lena Katharina Krause, Hamburg Media School

Unterschiedliche Drehbedingungen in den Bundesländern

In Hamburg wurde zu keinem Zeitpunkt Produktionen untersagt. In Babelsberg hingegen sind seit Inkrafttreten der neuen Eindämmungsverordnung des Landes Brandenburg am 18. Dezember 2020 keine Drehs mehr erlaubt. Erst Anfang April sollen laut Beschluss des Krisenstabs wieder Filmarbeiten anlaufen. Hier machen sich wieder die Auswirkungen des Föderalen Systems bemerkbar. Auch in den Monaten zuvor herrschten an der ältesten Filmschule Deutschlands strengere Regeln: So durften die Studierenden nicht mit Schnelltests und auch nicht mit Quarantäne-Vorgaben operieren. Dreh Locations wurden auf Brandenburg und Berlin limitiert und mussten so nah an der Uni liegen, dass keine Übernachtung für Team und Cast nötig wurden. „Das ist in erster Linie eine Kostenfrage“, beteuert Professor Martin Hagemann. „Bei 200 Produktionen im Jahr können nicht für alle Gruppen Tests bezahlt werden. Und am Ende sollen ja gleiche Bedingungen für alle herrschen.“ In der Folge mussten Drehbücher und Kamerakonzepte so entwickelt sein, dass ein Mindestabstand auch für die Darsteller*innen vor der Kamera galt. Über geschickte Schnitte kann zwar der Abstand überspielt werden, aber die Zeit der Filmküsse und Massenschlägereien sind dennoch vorbei.

Damit Hygiene zu keinem Zeitpunkt aus dem Auge geraten kann, wurden unter den Studierenden Hygienebeauftragten ausgebildet. Dieser Posten ist im Film erst mit der Corona-Krise als vollkommen neues Berufsfeld entstanden. „Alle Studierenden haben eine diesbezügliche Unterweisung besuchen müssen“, erklärt Professor Martin Hagemann von der Filmschule Babelsberg. „Erst nach Vorlage eines von dem Krisenstab abgesegneten Hygieneplanes konnten die Dreharbeiten beginnen.“ Doch Maßnahmen wie Einzelfahrten von PKWs, Desinfektionsmittel, Plexiglas und professionelle Hygieneberatung erfordern nicht nur akribische Planungen. Hier ist auch die Finanzierung eine wichtige Frage, kostet ein studentischer Spielfilmdreh unter Corona-Bedingungen doch einiges mehr. Babelsberg hat die Projektgelder mittlerweile aufgestockt und trägt den Mehraufwand, an der Hamburg Media School konnten die überschüssigen Kosten durch die Kooperation mit dem Bayrischen Rundfunk gedeckt werden. An der Universität Hildesheim hingegen, wo das Fach Medien nur einen Randzweig ausmacht, verblieben die Mehrkosten bei den Filmemacher*innen.

Hygiene und Sicherheit am Set

Dass sämtliche Dozent*innen penibel auf die Einhaltung der Regeln achten, hat einen guten Grund: Am Ende stehen sie in der Haftung, sollte es am Set zu einer Infektion kommen. Nur bei grober Fahrlässigkeit können Studierende zur Verantwortung gezogen werden. Doch bislang haben sich die Sicherheitsvorkehrungen ausgezahlt, keine der Schulen hatte eine Corona-Übertragung an Filmsets zu melden. „Wir wachen mit Argusaugen darüber, dass Sicherheitsvorkehrungen an Sets wie auch am Campus selbst getroffen werden“, unterstreicht Reitinger, für den das Zauberwort Quarantäne heißt. „Wir drehen. Und wir drehen weiter, solange es das Gesetz erlaubt.“

Mit einem Hygienekonzept im Gepäck konnte Ende Oktober letztendlich auch der Dreh von „Findelleiche“ erfolgreich über die Bühne gehen. Wenige Tage später sollten die verschärften Corona-Richtlinien in Kraft treten und den zweiten Teillockdown einleiten. Natürlich hatten wir mit Problemen zu kämpfen: Eine Szene konnte nicht mehr realisiert werden, die in der Charité in Berlin hätte spielen sollen – zum Glück ist der Film auch ohne diese Passage inhaltlich stimmig. Und mit Martin Semmelrogge konnte einer unser Hauptdarsteller nicht zum Set reisen, da Köln kurz vor Drehstart zum Risikogebiet wurde. Doch im Gegensatz zu Theatern und Musikorchestern sollten wir Nachwuchsfilmemacher*innen uns glücklich schätzen, unsere Kunst überhaupt praktizieren zu dürfen. Und in Form einer kleine Abwandlung hat die Corona-Pandemie auch in unseren fertigen Film Einzug genommen: Als ich das Drehbuch im Frühjahr 2020 verfasste, haderte ich mit der Idee, die Figuren einen Mundschutz im Leichenhinterzimmer tragen zu lassen. Für zu abwegig von unserer Alltagswelt hielt ich dieses abstruse Bild. In Zeiten von Corona ist das Tragen eines Mundschutzes zur Normalität geworden. Nun musste ich das Drehbuch sogar noch aufwerten, indem ich der Sachbearbeiterin eine Gasmaske zuschrieb. So ändern sich die Zeiten.

Gastbeitrag aus dem Rundbrief des Film- und Medienbüros Niedersachsen, der Stand des Artikels entspricht der Corona-Situation vom Frühjahr 2021.

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Silas Degen

Studiert Szenische Künste an der Universität Hildesheim. Seine große Leidenschaft gilt dem Schreiben und Realisieren von Filmen und Hörspielen. Journalistische Arbeit für Radio, Zeitung und Fernsehen, unter anderem das heute journal im ZDF.

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