Junge Presse Journal

Er funktioniert doch!

Eine These zum Gendern, aber keine zu den Corona-Maßnahmen. Der diesjährige Wahl-O-Mat liefert seinen Kritiker*innen eine Steilvorlage. Dabei verstehen sie ihn nur falsch.

Ein Kommentar von Lima Fritsche

Automaten können im Alltag eine echte Hilfe sein. Die einzige Voraussetzung: Man muss sie schon bedienen können. Daran wurde ich erst vor kurzem erinnert, als ich meine Küche beim Wäsche waschen überflutet habe. Meine Waschmaschine läuft nur richtig, wenn einer der Schläuche in die Spüle gesteckt und mit einer bestimmten Pfanne befestigt wird. Macht man das falsch, hat man danach zwar trotzdem saubere Wäsche, aber eben auch ein Schwimmbad in der Küche. Genauso verhält es sich mit dem Wahl-O-Mat – nur dass sich die Konsequenzen einer falschen Bedienung in diesem Fall nicht aufwischen lassen.

Eigentlich ist das Prinzip des Wahl-O-Mats einfach erklärt: Es gibt 38 Thesen, denen man jeweils zustimmen kann, oder eben nicht. „Die sollen möglichst vielfältig sein und zeigen, wo die inhaltlichen Differenzen der Parteien liegen”, sagt Wahl-O-Mat Jungredakteur Leonard Richter-Matthies. Am Ende spuckt der Wahl-O-Mat einem dann aus, mit welchen Parteien man am meisten übereinstimmt.

Der Mathematikstudent Leonard Richter-Matthies hatte sich erfolgreich für die Wahl-O-Mat-Redaktion beworben und die Thesen mit entwickelt | Foto: Daniel Düsterdiek

Eine Woche vor der Bundestagswahl haben ihn bereits 15,7 Millionen Menschen genutzt, ein neuer Rekord. Eigentlich eine erfreuliche Nachricht, wäre da nicht die berüchtigte 15. These: „Bundesbehörden sollen in ihren Veröffentlichungen verschiedene geschlechtliche Identitäten sprachlich berücksichtigen.“ Gendern – gefundenes Fressen für Kritiker*innen des Wahl-O-Mats, die sich nun lautstark beschweren, dass die wirklich wichtigen Themen mal wieder nicht abgedeckt werden.

Wurden die vielen Nutzer*innen des Wahl-O-Mats etwa in die Irre geleitet und haben ihre Wahlentscheidung auf der Basis von Nichtigkeiten wie Gendern getroffen? Wer das denkt, hat den Wahl-O-Mat nicht verstanden.

Der Wahl-O-Mat ist gar kein Automat

Es steht schwarz auf gelb auf seiner Startseite: „Der Wahl-O-Mat ist keine Wahlempfehlung, sondern ein Informationsangebot über Wahlen und Politik.“ Er ist also gar nicht darauf ausgelegt, uns die Wahlentscheidung abzunehmen. Liegt eigentlich auf der Hand; mir zumindest wäre neu, dass Demokratie ein Automatismus ist.

Der Wahl-O-Mat ist also gar kein Automat. Das macht ihn aber nicht weniger sinnvoll: Alle, die sich seinen Thesen stellen, beschäftigen sich mit Politik. Der Wahl-O-Mat liefert einen Überblick über aktuelle Themen und bietet einem die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung zu bilden. Ganz automatisch!

Gendern ist gar keine schlechte These

Über die einzelnen Thesen kann man sicher streiten. Wie zielführend das ist, sei aber dahingestellt: Damit der Wahl-O-Mat nicht zu lang wird, soll er nur 38 Thesen umfassen. So kann schon einmal eine Menge abgedeckt werden, aber gewiss nicht alles. Zudem werden nur Thesen aufgenommen, bei denen die Parteien unterschiedliche Positionen haben. Bringt ja nichts, wenn sich sowieso alle einig sind. Auch so fallen natürlich einige Themen raus.

Nicht aber das Gendern. Ich könnte mir kaum eine ermüdendere Debatte vorstellen; die Pro- und Contra-Argumente sind bekannt und die Fronten klar. Trotzdem ist es keine schlechte These. Das Gendern ist die neue Gretchenfrage – für seine Verfechter*innen genauso wie für seine Gegner*innen. Beiden Gruppen ist das Thema nun einmal wichtig.

Und sollte man sich keiner der Gruppen zugehörig fühlen, kann man die These zum Gendern ja immer noch überspringen und am Ende die Thesen priorisieren, die einem am Herzen liegen. Oder zusätzlich einen anderen Wahl-O-Mat machen: Vom Sozial-O-Mat über Steuer-O-Mat bis hin zum Musik-O-Mat gibt es ja mittlerweile alles.

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Lima Fritsche

Lima ist 18 Jahre alt, besucht die Kölner Journalistenschule und hat auch nicht die Partei gewählt, mit der sie beim Wahl-O-Mat die meisten Übereinstimmungen hatte.

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