Junge Presse Journal

So nicht

Warum Menschen fast nur in schlechten Reportagen Kaffee trinken – und wie du stattdessen eine gute schreibst

Konstantin Klenke starrt auf den Bildschirm seines Computers. Seine Finger hacken auf die Tastatur ein. Mit dem Rücken schiebt er die Lehne seines Schreibtischstuhls hin und her. „Hm, gar nicht so leicht, eine gute Reportage zu schreiben“, murmelt er und löscht ein paar Zeilen. Dann setzt er neu an.

Auf den ersten Blick könnte der erste Absatz dieses Textes ein klassischer Einstieg in eine Reportage zum Reportagenschreiben sein. Warum er auf den zweiten ein höchstens mittelmäßig guter ist, soll dieser Text dir beibringen. Doch zuerst: Was ist das überhaupt, eine Reportage?

Die Reportage ist eine Art journalistischer Augenzeugenbericht. Sie stellt ein Ereignis oder Thema aus subjektiver Perspektive dar. Im Gegensatz zu knappen und nüchtern geschriebenen Nachrichten wechseln sich in der Reportage lebendige Szenen (ähnlich wie am Textanfang) ab mit Informationen (ähnlich wie in diesem Absatz).

Bevor du überhaupt eine Reportage schreiben kannst, musst du etwas miterlebt haben. Wenn du sowieso über eine Veranstaltung schreiben möchtest, perfekt. Wenn es zu deinem Thema kein natürliches Ereignis gibt, verabrede dich mit Menschen an Orten und Situationen, wo du das Thema mit ihnen erleben kannst. Wenn du am Ende nur beschreibst, wie jemand mit dem Kopf schüttelt, am Kaffee nippt oder dir etwas am Telefon erzählt hat und jetzt in der Redaktion vor dir sitzt, bedeutet das meist: Du hast nicht vor Ort recherchiert oder dein Thema oder dein*e Protagonist*in eignet sich nicht für eine Reportage.

Wie die meisten journalistischen Textformen beantwortet auch die Reportage alle W-Fragen zu einem Thema: Wer? Was? Wann? Wo? Wie? Warum? Gute Szenen sind nicht einfach Szenen, sondern beantworten solche Fragen rund um dein Thema – und versetzen Lesende in eine Beziehung zu dem Geschehen und dem Thema.

Triff die Bäuerin im Kuhstall, den Aktivisten auf der Demo, das Sportteam auf dem Feld oder in der Halle. Wenn möglich, trenne Beobachtung und Befragung der Menschen, über die du schreibst: Wenn sie zeitweilig vergessen, dass sie gerade journalistisch beobachtet werden, entstehen oft besonders authentische Szenen.

Schreib dir genau auf, was Menschen tun und sagen und wie sie sich dabei verhalten. Und notiere dir deine Sinneseindrücke: Wie riecht es im Kuhstall? Was hörst du auf der Demo? Wie sieht der Sportplatz nach dem Spiel aus? Was kannst du erfühlen und erschmecken? Auch vermeintlich banale Details können manchmal zu einem interessanten Teil der Reportage werden.

Damit Menschen sie lesen, solltest du Ereignisse in einer spannenden Reihenfolge erzählen. Das kann mal die Reihenfolge sein, in der die Ereignisse tatsächlich geschehen sind – das muss aber nicht so sein. Die Reportage beginnt mit einer besonders starken Szene, gleichzeitig wird am Anfang ihr Thema klar. Auch am Ende runden meist eine starke Szene oder ein starkes Zitat den Text ab. Zwischendurch wechseln sich informative und szenische Absätze sinnvoll ab.

Die Szenen solltest du im Präsens erzählen. So bekommen die Lesenden das Gefühl, sie wirklich mitzuerleben. Informative Absätze schreibst du je nach zeitlichem Bezug meistens im Präsens oder Präteritum. Bei Fremd­informatio­nen musst du immer deine Quellen verdeutlichen, aber nicht ständig den Konjunktiv verwenden. Natürlich darfst du subjektive Eindrücke auswählen und andere weglassen sowie das Thema einordnen – das musst du sogar. Deine Meinung gehört aber nicht in die Reportage.

Konstantin Klenke

ist 23 Jahre alt, studiert Politikwissenschaft und arbeitet als freier Journalist. Selbst als Protagonist einer schlechten Reportage würde er wohl keinen Kaffee trinken. Er bevorzugt nämlich Tee.

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