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Anderswelt – Ein Selbstversuch mit rechten Medien

Ein Selbstversuch, bei dem man sich ausschließlich durch rechte Medien übers Weltgesche-
hen informiert – Das hat der Journalist Hans Demmel sechs Monate lang ausprobiert und seine
Erfahrungen in seinem Buch „Anderswelt“ dokumentiert. Beim JPN-Seminar „Rechte Ideolo-
gien in den Medien“ in Berlin hat er mit uns darüber gesprochen.

Demmel ist ein gestandener Journalist mit viel Erfahrung im Medienbereich. Er war zehn Jahre
beim Bayerischen Rundfunk und arbeitete anschließend mehr als 25 Jahre für Sat.1 und die
Mediengruppe RTL, unter anderem als VOX-Chefredakteur und schließlich als Geschäftsfüh-
rer bei n-tv. Die Idee zu dem Experiment habe er zwar schon immer im Kopf gehabt, aber letztlich „von jemand anderem geklaut“… „wie man das beim Fernsehen halt so macht“, gibt er mit unverkennbar bayerischem Dialekt und lächelnd zu.

Demmel wurde während seines Versuchs von seinem Freund und Kollegen Friedrich Küppers-
busch begleitet, der ihm „im Notfall den Aluhut vom Kopf reißen“ sollte. Die beiden planten das
Projekt ursprünglich für vier Wochen, doch der Verlag fand das zu kurz und so wurde aus den
vier Wochen ein halbes Jahr. Gestartet wurde der Selbstversuch am 29. August 2020, am Tag
des Sturms auf den deutschen Reichstag, durch Querdenker*innen, und endete am 6. Januar
2021, am Tag des Sturms auf das Capitol in den USA. Im tagebuchartig geschriebenen Buch
fallen Einschübe im Text auf. Das sind die Mails von Küppersbusch, der die Nachrichten, die
Demmel bekommt, mit den Nachrichten aus den normalen Medien abgleicht und die Informa-
tionen einordnet. Demmel hatte außerdem mit seiner Frau die Abmachung, dass sie ihm mit-
teilt, falls gravierende Dinge in der Welt passieren. Nur so hat er die wichtigsten Informationen
zur Corona-Pandemie mitbekommen. Mit einem verschmitzten Lächeln erzählt er, dass er sei-
ner Frau sehr dankbar ist, dass sie ihn in der Zeit ausgehalten hat, obwohl er während des
Versuchs meistens sehr schlecht gelaunt war.

Wenn man sich dort bewegt, landet man auf Seiten, von denen man nicht wusste, dass es so etwas gibt.

betont Demmel.

Demmel berichtet von diversen Quellen, die Verschwörungserzählungen verbreiten, wie zum
Beispiel die der „New World Order“, nach der Eliten die Welt beherrschen und nach ihren Vor-
stellungen umstrukturieren wollen. Und von Seiten, die wissenschaftliche Fakten absolut ab-
lehnen. Dass auch die Zahl der Menschen, die Fakten ablehnen, immer größer wird, ist auf
den „Confirmation Bias“ zurückzuführen: Die Menschen merken, dass sie mit ihrem Denken
nicht alleine sind und fühlen sich dadurch in ihrem Denken bestätigt. Dazu kommt, dass die Gewaltbereitschaft der Menschen, die rechte Medien konsumieren, steige. Als Beispiel führt
Demmel den Mord an dem 23-jährigen Tankstellenwart in Idar-Oberstein an, der den Täter
lediglich gebeten hatte, eine Maske aufzusetzen. Vor Gericht haben Zeugen ausgesagt, dass
der Angeklagte zuvor schon in Telegram-Kanälen von Mordgedanken geschrieben haben soll,
was von den Usern jedoch nicht ernst genommen wurde.

Die Seminargruppe im Gespräch mit Hans Demmel (Foto: Moritz Martin)

Die Einstellungen und Positionen der Menschen, die diese Medien konsumieren, sind vielsei-
tig. Demmel bezeichnet es als „Salat Bowl Extremism“ (der Begriff stammt vom FBI) und meint damit, dass nicht alle Menschen an das Gleiche glauben und die gleichen Sachen ablehnen, sondern sich ihre Theorien und Informationen bunt aussuchen und zusammenstellen (wie bei einer Salatbar). Heraus kommt ein Sammelsurium an verschiedenen Verschwörungserzählungen, in denen aber Antisemitismus und Rassismus oft eine große Rolle spielen.

Nichts korrumpiert Menschen so sehr wie ihr Verlangen nach Anerkennung und Applaus!

sagt Demmel.

Zur Frage, warum sich viele Menschen erst im Erwachsenenalter in diese Richtung entwickeln,
sagt Demmel, dass bei vielen eine Kränkung der Auslöser sei und berichtet von seinem ehe-
maligen Kollegen Franz Schönhuber, der ebenfalls beim Bayerischen Rundfunk gearbeitet hat
und ein Buch über seine Zeit bei der Waffen SS geschrieben hat. Er wurde daraufhin vom
Sender gekündigt und glitt – tief gekränkt – weiter in die Welt der rechten Medien ab.

Auch Wohlstandsängste, gerade in Zeiten von Corona und Krieg in Europa spielen eine Rolle.
Demmel stellt die provokative Frage an uns: „Wenn man die Menschen fragen würde, was sie
bevorzugen würden: Demokratie oder Wohlstand, was würden die meisten wohl antworten?“
Antwort: „Wohlstand“. Demmel nickt nachdenklich: „Vielleicht haben wir uns an die Demokratie und ihr Aussehen so sehr gewöhnt, dass sie für uns kein Wert mehr ist.“

Die ein oder andere konservative Stimme bei den öffentlich-rechtlichen Sendern würde nicht schaden.

meint Demmel.

Die Menschen sind manchmal einfach unzufrieden mit den Mainstream-Medien, weil sie nicht
ihre eigene politische Meinung widerspiegeln. Demmel meint, die öffentlich-rechtlichen Medien
seien tatsächlich zu links-grün eingestellt. „Die ein oder andere konservative Stimme bei den
öffentlich-rechtlichen Sendern würde nicht schaden!“. Demmel selbst sieht sich eher im kon-
servativen Teil der SPD, „mit einem grünen Auge“ fügt er ergänzend hinzu.
Die rechten Medien stellen aber auch ein lukratives Geschäftsmodell für viele dar, denn die
Produzent*innen und Verlage haben gemerkt, dass sich mit dieser Art der Berichterstattung
viel Geld machen lässt, weil die Anhänger*innen der Szene sehr spendenwillig sind.

Ich habe einen Panzer, aber wer den nicht hat …, der ist relativ schnell dabei.

so Demmel.

Zum Schluss gibt Demmel sein Fazit aus dem Selbstversuch ab: Obwohl er sich aufgrund
seiner langjährigen Medienerfahrung für sehr resilient gegen rechten Populismus, Fake News
und Verschwörungserzählungen gehalten habe, habe er es bei der Auseinandersetzung mit
den rechten Medien trotzdem oft mit der Angst zu tun bekommen. Und er fügt hinzu, dass er,
wenn sein zweites Buch zu dem Thema fertig ist, er sich „eine sehr lange, hoffentlich nicht
endende Pause von all diesen Medien“ gönne.
Wie viel Angst man bei der Auseinandersetzung mit den rechten Medien bekommen kann,
werden auch wir an diesem Wochenende noch erfahren…

Ein Gruppenfoto mit Hans Demmel (Foto: Moritz Martin)

Lena Manderscheid

Lena Manderscheid ist 22 Jahre alt und Mitglied bei der Jungen Presse Niedersachsen. Zu Beginn der Corona-Pandemie versuchte sie vergeblich, über eine Facebook-Gruppe mit Querdenker*innen zu diskutieren.

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