Junge Presse Journal

“Tablets in der Schule reichen nicht”

Für Astrid Grotelüschen (CDU) bricht ihr letztes Jahr als Bundestagsabgeordnete für den Landkreis Wesermarsch, Oldenburg-Land und Delmenhorst an: Die 56-Jährige will 2021 nicht erneut antreten. Sandra Eilers hat mit ihr über ihre Amtszeit, die Frauenquote und digitalen Schulunterricht gesprochen und auch darüber, wie sie junge Menschen für Politik begeistern möchte.

Frau Grotelüschen, Sie sind seit 2013 durchgängig Bundestagsabgeordnete und zudem im Ausschuss für Wirtschaft und Energie und Bildungsausschuss. Wie läuft so eine „typische Woche“ ab, wenn Sitzungswoche ist und Sie in Berlin sind?

Das läuft fast wie in der Schule, es gibt für Montag bis Freitag einen „Stundenplan“. Zum einen sind das Pflichtveranstaltungen, zum Beispiel für mich die AG-Sitzungen in den Bereichen Wirtschaft und Energie, einer Ausschusssitzung oder auch die Fraktionssitzung. Zum anderen nehme ich an Informationsveranstaltungen und Diskussionsrunden teil. Das Plenum, also die Bundestagsdebatte, die man live oder auch auf der Besuchertribüne verfolgen kann, startet am Mittwoch und endet freitags. Insgesamt ist der Kalender immer sehr voll, manchmal wird bis tief in die Nacht debattiert und ein 16-Stunden-Tag ist die Regel.

Was liegt Ihnen in der Politik am meisten am Herzen?

Der Mensch! Mir war es immer wichtig, zuzuhören und die Themen aus dem Wahlkreis nach Berlin zu tragen. Ich bin dankbar für das mir entgegengebrachte Vertrauen und versuche mein Bestes zu geben, Politik verständlich zu machen, zu erklären und zu informieren. Das Kümmern, Helfen und etwas für meinen Wahlkreis zu erreichen, steht nach wie vor im Mittelpunkt.

Sie sind Mitglied in vielen Vereinen zur Förderung von Frauen und sind auch bei den Landfra-en aktiv. Wie können Sie Ihre Position in der Politik nutzen, um diese Vereine bestmöglich zu unterstützen?

Das Vereinsleben in unserem Wahlkreis ist spannend und vielfältig. Ich unterstütze daher gerne mit meiner Mitgliedschaft in zahlreichen Kultur-, Bürger und Sportvereinen, in der Kirche und eben auch bei den Landfrauen und der Mittelstandvereinigung. Für mich ist das eine Herzenssache, die Haupt- und Ehrenamtlichen zu unterstützen, um das tolle Angebot in der Region zu erhalten. Leider bin ich derzeit nur wenig aktiv dabei, kann aber ja durch meine Mitgliedschaft und vor allem durch politische Begleitung von Projekten die Arbeit unterstützen.

Was macht Ihnen dabei am meisten Spaß?

Das freundliche Miteinander und, dass man etwas zusammen geschafft hat. Das ist neben meiner Familie für mich auch ein Ausgleich zum vollen Terminkalender und zugleich Motivation. Auch, den Fokus mal auf eine andere Perspektive zu legen, selbst mit anzupacken und ein Ergebnis zu sehen. Wenn ich dazu beitragen kann, dass das Vereinsheim frisch gestrichen ist oder beim Kuchenverkauf bei einem Sportturnier etwas für die Vereinskasse überbleibt, ist das doch ein klasse Gefühl.

Glauben Sie, Ehrenamt sollte mehr gewürdigt werden? Wenn ja, wie könnte das aussehen?

Ehrenamt und ehrenamtliches Engagement ist neben Mittelstand und Digitalisierung eines meiner zentralen, politischen Themen und das seit Jahren. Viele Aktive klagen zu Recht, dass es immer komplizierter wird, dass Bürokratie, Verwaltung oder rechtliche Auflagen immer mehr werden. Deshalb freue ich mich, dass wir in diesem Sommer durch die Gründung der Ehrenamtsstiftung zukünftig bundesweit einen Service zur Unterstützung von Ehrenamtlichen und auch zusätzliche finanzielle Mittel bereitstellen, Vernetzung fördern und die Ehrenamtler*innen bei ihrer Arbeit entlasten werden. Insgesamt geht es mir um mehr A-erkennung und Wertschätzung.

Was meinen Sie: Muss in wichtigen Positionen eine Frauenquote eingeführt werden?

Das ist sicherlich keine Frage, die man einfach mit ja oder nein beantworten kann. Die Quote kann nur ein Teilstück eines Puzzles, eines Gesamtkonzeptes sein. Für mich ist selbstverständlich, dass Frauen, auch in Führungspositionen, „sichtbar“ sein müssen, schließlich sind wir ja auch sehr gut ausgebildet. Nach wie vor gilt es jedoch auch, Frauen für bestimmte Branchen oder auch für Politik zu begeistern und zu fördern, ihnen zu helfen, Selbstvertrauen aufzubauen. Da bin ich oft Vorbild und nutze zahlreiche Mentorenprogramme, um Frauen zu begleiten. Wichtig bleibt weiterhin, dass wir Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Ausgestaltung der Arbeit und so weiter nicht aus den Augen verlieren. Das alles ist Teil eines gesellschaftlichen Prozesses, den wir gemeinsam mit vorantreiben müssen.

Denken Sie, dass die Schulen, besonders in der ländlichen Region, gut ausgestattet sind, was die Digitalisierung betrifft?

Da haben wir tatsächlich ein sehr unterschiedliches Bild in unserem Wahlkreis, nämlich auch in Abhängigkeit des Schulträgers und der Bereitstellung der notwendigen Infrastruktur. Grundsätzlich müssen wir schneller werden, das gilt für den Glasfaseranschluss bis hin zur Ausstattung. Deshalb brauchen wir unter anderem finanzielle Förderung, bei dem der Bund die zuständigen Kultusministerien der Länder über den Digitalpakt Schule unterstützt. Doch nicht nur die finanziellen Mittel, sondern auch die Skills der Lehrer*innen tragen zum Erfolg der Lernmethoden bei. Es reicht nun mal nicht, dass Schulen Tablets bekommen, sondern alle müssen auch damit umgehen können. Ich glaube, dass ein verlässliches Konzept sowie eine attraktive Unterrichtsgestaltung der Weg zum Ziel sind.

Werden Schüler*innen in zehn Jahren nur mit Tablet in der Schule arbeiten?

Digitale Hilfsmittel sind wichtig und sollten im Unterricht sinnvoll in Zusammenhang mit einem pädagogischen Konzept eingesetzt werden, da haben wir noch einiges aufzuholen. Sicher ist es hilf-eich, eine Fremdsprache im Original mit technischen Hilfsmitteln zu lernen, gleichzeitig sollte man aber auch eine Diskussion im di-ekten Austausch mit dem Gegenüber führen oder lernen, einen Vortrag zu halten. Das Zwischenmenschliche, die Gemeinschaft und das Miteinander dürfen nicht vernachlässigt werden. Schule ist und bleibt ein Ort, an dem neben der Wissensvermittlung auch die Sozialkompetenz im Mittelpunkt steht. Ich hoffe, dass wir in den nächsten zehn Jahren zu einer optimalen Kombination beider Komponenten finden.

Sie laden jedes Jahr Schüler*innen zum Zukunftstag nach Berlin ein. Denken Sie, dass sich die heutige Jugend genug politisch interessiert?

Auf jeden Fall. Ich treffe ganz viele junge Menschen, die politisch interessiert sind. Ich glaube, dass es eher schwieriger geworden ist, Menschen für ein dauerhaftes Engagement zu gewinnen. Zudem kommt es häufiger vor, dass es bestimmte Schwerpunktthemen gibt, wie zum Beispiel Klima, Elek-33tromobilität oder Landwirtschaft. Dennoch müssen wir versuchen, umfassend und längerfristig junge Leute aktiv für Politik zu begeistern. Seit dem Beginn meiner politischen Arbeit lade ich Jugendliche zum Zukunftstag oder Praktika ein, beteilige mich an Mentorenprogrammen und besuche regelmäßig Schulen im Wahlkreis. Um frische Ideen und politisches Engagement zu erhalten, braucht es einen regen Austausch.

Das Interview führte Sandra Eilers.

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Sandra Eilers

Sandra Eilers ist 16 Jahre alt und besucht zurzeit die 9. Klasse einer Oberschule. Für die dortige Schulzeitung ist sie als Chefredakteurin tätig. Außerdem schreibt sie seit kurzem Artikel für das Jugendportal des Bundestags.

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