Junge Presse Journal

Man wird ja wohl noch labern dürfen

Politische Phrasen: Mit diesen zehn Machtwort-Strategien behauptest du dich als neuer Star am Polit-Himmel

Du möchtest Politiker*in werden? Anders sein als die anderen? Etwas verändern? Mehr Lametta bieten und weniger Langeweile? Weil das Berufsfeld noch unbeliebter ist als Journalismus – und damit halt noch interessanter? Gute Idee! Denn um in der Berliner Blase zu bestehen, reicht es, wenn deine öffentliche Performance stimmt. Ja okay, Politiker*in werden ist jetzt vielleicht nicht der chilligste Plan, den du dir hättest aussuchen können: Alle haben ständig andere Meinungen als du. Sie ernähren sich von Pommes und du dich von Aktenbergen. Und du bist noch unbeliebter als Journalistinnen (ja, solche Jobs gibt‘s echt). Aber du hast es so gewollt. Du hast dich im Kreisverband Hameln-Pyrmont deiner hochwürdevollen Partei engagiert und dich mit harter sachpolitischer Arbeit im Fachaussschuss für Atomare Grundsatzpolitik und Fidget Spinner profiliert. Und jetzt bist du halt Spitzenpolitikerin. Na gut.

Auf deinem Weg zur Weltherrschaft tun sich jetzt nur noch ein paar kleine Hindernisse auf. Denn auf einmal interessieren sich ein paar Leute für deinen Berufsalltag. Der Zeigefinger von Markus Lanz wartet schon sehnsüchtig darauf, gestisch zu untermalen, wie Lanz dich zwar „sehr, sehr herzlich“ begrüßt, dir aber nach spätestens eineinhalb Sätzen ins Wort fällt – entweder um dein Lieblingsthema mit den Worten „Darüber werden wir gleich noch zu reden haben“ in die Zukunft zu verschieben oder um die Debatte über dein Hassthema mit einem kritischen Video-Einspieler und den Worten „Schau‘n Sie mal“ erst richtig zu entfachen. Auch Marietta Slomka heizt im heute journal-Studio ein paar fiese Fragen an, denn ihre Interview-Grillsaison kennt bekanntlich weder Verdauungs- noch Winterpausen. Und natürlich bekommt Paul Ronzheimer im Bild-TV-Studio ein paar hektische Thesen gesimst, die er dir vor einem wütenden Netz-Mob entgegenwerfen wird.

Auf einmal interessieren sich ein paar Leute für deinen Berufsalltag. Auch Marietta Slomka heizt im heute journal-Studio ein paar fiese Fragen an. Denn ihre Interview-Grillsaison kennt bekanntlich weder Verdauungs- noch Winterpausen. Foto: Niko Schmid Burgk, Dirk Staudt (ZDF)

Als wäre das noch nicht genug, fragen dich wildfremde Leute im Supermarkt, ob in deiner Doktorarbeit wirklich alles korrekt lief. Im asozialen Internet bist du schuld an allem, was „die da oben“ wieder mal „verbrochen“ haben. Und während deiner Wahlkampfauftritte protestieren die Leute entweder oder pennen ein.

Und trotzdem ist alles kein Problem für dich. Denn seit deiner letzten Routineuntersuchung beim Spindoktor weißt, wie du im kalten Ozean namens Öffentlichkeit lässig deine Bahnen ziehst.

Strategie 1: Weit ausholen

Zugegeben, häufig trifft das, was die Leute am Gesprächsanfang von dir wollen, schon gleich das Kernproblem. Doch lässiger als Jan Hofer bei „Let’s Dance“ machst du beim Auftakt erstmal ein paar Schritte rückwärts, wenn auch nur verbal. Statt in medias res zu gehen, verschiebst du das eigentliche Thema zurück zu Adam und Eva. „Vielen Dank für die Frage, Frau Maischberger. Nun, lassen Sie mich zunächst einmal sagen, dass …“

Hektisch schwafelst du am besten irgendwas mit den vergangenen Stunden, Tagen, Wochen, Monaten vor dir her, redest von harter Arbeit und Auseinandersetzungen in der Sache, von guten Gesprächen und einem guten Tag für dieses Land. Im Fernsehen ist die erste Sendeminute geschafft. Inhalte können warten.

Strategie 2: Schuld? Wer? Wir? ICH?

Wie bitte, was unterstellt dein Gegenüber dir? Du sollst eine Fehlentscheidung getroffen haben? Deine Koalition hat schon wieder nix hingekriegt? Äh-hem. Aus der alten Bundesrepublik übergebliebene Machos würden solche Angriffe jetzt am liebsten als „empörend“ oder „infame Unterstellung“ abstempeln („Sie glauben doch nicht im Ernst, dass meine Partei …“). Aber du machst es dir natürlich einfacher.

Du betonst, dass das gewünschte Gesetz leider, leider mit dem Koalitionspartner einfach nicht zu machen ist. Der Bundesrat hat ja auch noch was zu sagen, blöd aber auch. Und wie wäre es eigentlich mit einer europäischen Lösung? Die hat sich ja bisher immer bewährt. Außerdem muss ja irgendwer auch mal an die schwerst gebeutelte Bevölkerung denken. Der soziale Frieden. Die Arbeitsplätze. Und überhaupt.

“Das unterscheidet Politik von Wissenschaft und auch von ungeduldigen jungen Menschen. Politik ist das, was möglich ist” – Altkanzlerin Angela Merkel. Foto: Armin Linnartz / Wikimedia

Welches schöne Motto lieferte dir Angela Merkel noch gleich für das neue Wandtattoo in deiner Berliner Altbauwohnung, als sie so schön über das schnuckelige Klimapäckchen ihrer Bundesregierung sprach? „Das unterscheidet Politik von Wissenschaft und auch von ungeduldigen jungen Menschen. Politik ist das, was möglich ist.“ So isses.

Strategie 3: Immer diese ärgerlichen Sachzwänge

Okay, die gerade beschriebene Strategie hat auch einen Nachteil: Irgendwer ist schuld. Während dein*e Gesprächspartner*in mit Fakten kontert, zauberst du die nächste Taktik aus dem Ärmel. Bei der ist nur irgendwas schuld. Die berühmt-berüchtigten Sachzwänge, um das mal ganz klipp und klar auf den Punkt zu bringen.

Dein Ministerium hat zu spät Masken und zu wenig Impfstoff bestellt? „Das Virus ist der Feind.“ Nackensteak-Deutschland will deinen Veggie Day nicht? „Der Klimawandel verzeiht kein Warten.“ Die Wirtschaft nölt wieder rum? „Die Märkte müssen endlich entfesselt werden.“

Spar es dir lieber gleich, konkret zu erklären, warum etwas aus deiner Sicht wichtig oder gut ist und für wen. Dafür müsstest du deinem Publikum schließlich Hirnschmalz und politisches Interesse zumuten. Und womöglich hätte die Opposition bessere Ideen. Also: Wir müssen jetzt dieses und jenes tun, wir dürfen keine Zeit mehr verlieren, das ist alternativlos. Zack, fertig.

Strategie 4: Strukturelle Probleme sind Einzelfälle

Oah nee, irgendwer will wieder etwas zu Rassimus in der Polizei wissen? Zu Sexismus in der Parlamentsrede? Zu Korruption in deiner Partei? Bloß nicht schon wie… Ähhhh, noch nie was von gehört, meinst du natürlich!

Grundregel: Alle Probleme, die miteinander zusammenhängen und mit denen du auch was zu tun hast, nennst du einfach Einzelfälle.

Grundregel: Alle Probleme, die miteinander zusammenhängen und mit denen du auch was zu tun hast, nennst du einfach „Einzelfälle“. Strukturelle Probleme sind höchstens das Salatblatt im Cheeseburger und der ewige Streit, ob man Star-Wars-Episode IV oder Star-Wars-Episode VII zuerst schauen solle.

Strategie 5: Verbales Upcycling

War nicht vorhin noch von mehr Lametta und weniger Langeweile die Rede? Richtig. Das ganze Blame-Shifting in den Talkshows ist dir zu banal? Du möchtest mal den Diskurs aufmischen, mit einer, nun ja, mehr oder minder eigenen Idee? Zeit, die Wortschatz-Kanone zu zücken und das Konfetti der Innovationsillusionen über die Republik regnen zu lassen.

Die Rufe nach mehr Freiheitseinschränkungen, die du vor zwei Wochen noch blöd fandest, nennst du jetzt einfach schick “Brücken-Lockdown”. Foto: Wai Siew (Unsplash)

Die Rufe nach mehr Freiheitseinschränkungen, die du vor zwei Wochen noch blöd fandest, nennst du jetzt einfach schick „Brücken-Lockdown“. Natürlich nur, falls dir die Konkurrenz schon die brillanten Begriffe harter Lockdown, nationale Kraftanstrengung und Wellenbrecher-Lockdown von der Liste geschnappt hat. Und bis der Corona-Impfstoff ankommt, kriegen die Leute zwischendurch erstmal ein freshes „Impf-Angebot“.

Strategie 6: Phrasen, Phrasen, Phrasen

Nun hat auch der vorige Lifehack eine Schwachstelle: So revolutionäre Knüllerideen wie ein Brücken-Lockdown kommen dir selbst als überragender Polit-Profi natürlich höchstens einmal im Leben. Deine neuronale Phrasenbibliothek ist dagegen bestens ausgestattet, das archaische Bedürfnis der Wahlbevölkerung nach allgemeinen, immerwährenden Wahrheiten zu stillen: „Wir haben in Deutschland viel erreicht“, „Nichts ist so gut, dass es nicht besser werden kann“, „Probleme sind dornige Chancen“, „Wir brauchen in Deutschland mehr Respekt“.

“Wir brauchen in Deutschland mehr Respekt”: Bundeskanzler Olaf Scholz. Foto: SPD

Und am besten bringst du noch die großen Themen der Zeit ein: Es sei nötig, Ökologie und Ökonomie zu vereinen. Hartz IV zu überwinden. Die Digitalisierung stelle uns alle vor enorme Herausforderungen. Übrigens, höre höre, stehe mit den Zwanzigerjahren jetzt ein Modernisierungsjahrzehnt bevor. Diese Strategie hilft übrigens auch, falls du vergessen hast, was nochmal die, äh, Dings, BaFin macht oder wer wann warum wie viel von der Pendlerpauschale bekommt.

Es sei nötig, Ökologie und Ökonomie zu vereinen. Hartz IV zu überwinden. Die Digitalisierung stelle uns alle vor enorme Herausforderungen. Übrigens, höre höre, stehe mit den Zwanzigerjahren jetzt ein Modernisierungsjahrzehnt bevor.

Strategie 7: Regierungsimpotenz

Ja okay, du bist mächtig, aber pssst, es müssen ja nicht alle wissen, dass du da auch was entscheiden oder sogar – räusper – voranbringen könntest. Also: Danke an Black Lives Matter, dass wir endlich was gegen Rassismus tun können. Danke an das Bundesverfassungsgericht, dass wir jetzt endlich das schlechte Klimagesetz überarbeiten dürfen, das wir selbst geschrieben haben.

Und ein besonderes Dankeschön natürlich an die Orts- und Kreisverbände, an die Arbeitsgemeinschaften, an die Jungen, die Modernen, die auf Zukunft aus waren, an mutige Abgeordnete, an nahezu alle Ministerpräsidenten und unglaublich viele Bürgerinnen und Bürger, die dich unterstützen, ohne dass du Kanzlerkandidat wirst.

Strategie 8: Das haben SIE jetzt falsch verstanden!!11!!elf! :-<

Wenn du jetzt schon mal Quatsch erzählt hast, kannst du das natürlich wieder geradebiegen: Was du da gesagt hast, haben nur wieder alle falsch verstanden, außer dir selbst natürlich. Asyltourismus? Draus gelernt. Jeden Morgen mit der Generalsekretärin aufgewacht, die du gerade feuerst? Neeiiin, nicht das, was ihr alten weißen Männer jetzt denkt.

Und klar, falls du rechts überholen möchtest: Wenn du gegen alimentierte Messermänner etwas hart im Ton warst, hast du doch einfach nur gemeint, dass deine Partei die vielen verbeamteten Metzger in Deutschland abschaffen möchte. Wie die gibt‘s gar nicht? Na dann geh halt einfach aus dem TV-Studio. Scheiß Systemmedien.

Strategie 9 : Kommt Zeit, kommt Bla

Vielen großen Herrschern wird nachgesagt, dass sie zwei Stapel auf ihrem Schreibtisch liegen hatten: den ersten für Probleme, die von der Zeit erledigt worden sind. Und den zweiten für Probleme, die noch von der Zeit erledigt werden müssen. Bei dir ist das oft genauso, du formulierst es aber geschickter: Du willst das in den Parteigremien besprechen. Gründest jetzt eine Taskforce, die endlich gezielte Maßnahmen erarbeiten wird (nachdem das mit den nicht-gezielten Maßnahmen nicht so gut geklappt hat). Und im zweiten Pandemiejahr fängst du über Ostern plötzlich an nachzudenken, was sich eigentlich gegen Corona-Tote tun lässt.

Vielen großen Herrschern wird nachgesagt, dass sie zwei Stapel auf ihrem Schreibtisch liegen hatten: den ersten für Probleme, die von der Zeit erledigt worden sind. Und den zweiten für Probleme, die noch von der Zeit erledigt werden müssen.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind nämlich Phänomene, die es nur in der Literatur gibt. In der Politik bleibt bloß das Hier und Jetzt. Denn: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern?“. Und: „Jeder, der behauptet, das hätte man alles schon vor acht Wochen wissen müssen – mit so was will ich mich gar nicht auseinandersetzen.“ Für alle, die doch eine Gemeinsamkeit von Politik und Literatur nutzen möchten, gibt es einen Trick, der im Machtbetrieb genauso funktioniert wie im Märchen: Wer einmal den richtigen Spruch aufsagt, lebt danach glücklich bis ans Lebensende. „Wir werden einander viel verzeihen müssen“, ist hier der magische Satz.

Strategie 10 : Make small problems GREAT again

Zu guter Letzt: Kleine Probleme sind leichter zu lösen als große. Weil die großen sowieso niemand mehr in den Griff kriegt, behandelst du kleine Missgeschicke ab und an, als fielen gerade Godzilla und Räuber Hotzenplotz zeitgleich mit zwei Atomkriegen über dein Land her: Ja, diese Osterruhe war ein Fehler. Einzig und allein deiner. Der muss benannt und korrigiert werden. Du bedauerst ihn zutiefst und bittest alle Bürgerinnen und Bürger um Verzeihung. Am besten lässt du dir noch „Mea Culpa“ in die zur Raute geformten Hände tätowieren – spätestens dann weiß niemand mehr, dass deine Regierung auch noch echte Probleme hat.

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Konstantin Klenke

Konstantin Klenke ist 21 Jahre alt, studiert und Politikwissenschaft und arbeitet als freier Journalist für die Hannoversche Allgemeine Zeitung und den Evangelischen Pressedienst.

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