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Die Pinoccionase: aus Bequemlichkeit, Manipulation oder Not? – Das Lügen als Phänomen der Gesellschaft

Ob du Lügen moralisch verwerflich findest, oder als gesellschaftlich akzeptabel einstufst, hängt oftmals ganz vom Motiv jener Lüge ab. Sollte sie in einem Vertrauensverhältnis entstehen, so mag sie vielleicht weniger akzeptiert werden, als in weniger bedeutsamen Zusammenhängen. Lügenmotive wie Höflichkeit, Schutz deiner selbst oder einer anderen Person, Selbstdarstellung, Manipulation, Rache oder die reine Not lassen Lügen hierbei oft annehmbarer oder despektierlicher wirken lassen. Aber wären wir nicht alle von einem Wahrheitsanspruch überfordert? Verbessern Unwahrheiten nicht gar das soziale Zusammenleben?

Gründe, weshalb wir lügen, gibt es einige:

Ein Dutzend verlogener Komplimente ist leichter zu ertragen, als ein einziger aufrichtiger Tadel,

wie es Mark Twain auszudrücken vermochte.

Die Schmeichelei ist hier das Stichwort. Es mag der Fall entstehen, dass wir einer Person mithilfe von Übertreibungen schmeicheln wollen, einerseits, weil wir uns daraus erhoffen gemocht zu werden oder sie mit der blanken Wahrheit nicht verletzen wollen. Auch mag es vorkommen, dass uns Aussagen nicht als Lügen auffallen. Unser Gedächtnis funktioniert nicht immer objektiv, wir speichern Erinnerungen nicht in dem Umfang ab, in dem sie tatsächlich geschahen, weshalb wir von ihnen auch nicht immer der Wahrheit entsprechend berichten. Des Weiteren wollen wir natürlich gemocht werden. Ob Überzeugungskraft im Vorstellungsgespräch oder Außergewöhnlichkeit und dennoch die Erfüllung gesellschaftlicher Ansprüche beim ersten Date – hier setzten wir zwar unsere langfristige Glaubwürdigkeit aufs Spiel, für den ersten Moment findet unser Gegenüber uns aber toll. Reicht ja! (vielleicht). Hier mag auch die Manipulation ein Motiv sein, damit jemand nach unserer Pfeife tanzt, wenn wir unser Gegenüber schon nicht täuschen können. Und schon passiert das, was wir vielleicht gar nicht beabsichtigt hatten: eine Unwahrheit, noch eine Lüge, vielleicht ein ausgelassenes und doch wichtiges Detail, ein Lügennest wird immer weitergesponnen und wir sitzen mitten drin. Als die fette Spinne im Lügenkonstrukt. Eine Beobachtung von Klaus-Jürgen Bruder und Friedrich Vosskühler, Professoren für Psychologie und Philosophie, bringt dieses Motiv noch eher auf den Punkt:

Die Lüge ist nicht ein Problem des einzelnen Lügners, sondern der Gesellschaft, die auf die Lüge aufgebaut ist, die nicht auf die Lüge verzichten kann.

Was ist eigentlich Wahrheit?

Um dem Ganzen näher auf die Spur zu kommen, hier aus anderer Perspektive: Was ist eigentlich Wahrheit? Der Duden definiert eine Lüge so als eine bewusst falsche, auf Täuschung angelegte Aussage; beziehungsweise als absichtlich oder wissentlich geäußerte Unwahrheit. Aber wie weit gehen Wahrheit und Unwahrheit? Gibt es eine gewisse Objektivität in der Form überhaupt? Eigentlich wurde nichts Unwahres gesagt, nur etwas ausgelassen. Faktisch gelingen Lügen in der Gesellschaft allein, weil wir keine Lügen in sozialer Interaktion erwarten. Zunächst legen wir einen Wahrheitsanspruch zugrunde.

Wer keine Wahrheit (mehr) unterstellt, keine logische Argumentationsstruktur verlangt oder keine Wahrhaftigkeit (Lauterkeit) voraussetzt, kann weder lügen noch belogen werden.

schreibt Robert Hettlage, Soziologe an der Universität Regensburg

Kaum zu glauben, aber Lügen nehmen in der Gesellschaft zu, sie werden immer akzeptierter. Aus evolutionärer Sicht ist dies vielleicht gar nicht so unlogisch, denn gemeine Hinterlistigkeit ist ein Treiber der Evolution, wie es Volker Sommer in seinem Buch „Lob der Lüge“ erklärt. Manipulation bringt Einzelnen einen bedeutsamen Vorteil in Konkurrenz um Lebensstandards, was sich schon bei Raben oder Pavianen zeigt. Ihr Motiv: Nahrung, Sex, Macht. Darf ich deshalb überhaupt die Wahrheit von anderen verlangen, wenn das Lügen schon von Beginn an so verflochten mit unserer Gesellschaft war? Aus heutiger Sicht kommt es einem öfter so vor, als wäre das Lügen eher ein Phänomen von Realitätsflucht, weil die Wahrheit oft schmerzlich und schwer aushaltbar wäre. Oswald Metzger schreibt, dass wir „lieber soziale Heilsbotschaften als realistische und finanzierbare Konzepte schätzen“.

Aber jetzt mal andersherum: Wie schön sähe eine Welt aus, in der es keine Lügen gäbe, in der allein die radikale Wahrheit zählt? Einerseits wären wir vermutlich unser Leben lang weniger auf der Suche. Auf der Suche nach Erfolg, Chancen und Erfahrungen in der Jobbranche, nach ehrlicherer, tieferer und wahrhaftigerer Zwischenmenschlichkeit, nach Beziehungen, in denen Betrug nicht in Frage kommt. Und auch unserer Gesellschaft im Ganzen mag ein Leben, der Wahrheit verpflichtet, Gutes tun, denn wenn die Politik nach reinem Gewissen handeln würde, wäre der ein oder andere Korruptionsfall zu vermeiden und du würdest dich fragen, was Populismus nochmal war. Das klingt nach einem politischen Fortschritt!

Wahrheit als politischer Grundwert

Der Herr der Lügen wird er auch genannt: Donald Trump, Ex-Präsident der Vereinigten Staaten. Auf ihn mag man schnell kommen, wenn einem Lügen in der Politik in den Sinn kommen. Doch wird jemand anders als Gründer der politischen Lüge bezeichnet. Niccolò Machiavelli, italienischer Philosoph, lebend um 1500, argumentierte, dass die Lüge in der Politik das bedeutendste Machtinstrument sei. Nicht die Wahrheit würde das politische Spiel fair machen, sondern Einflussnahme unter dem Deckmantel der Fairness. Heute gehört die Wahrheit zu einem der politischen Grundwerte. „Wer die Demokratie verteidigen will, muss an Fakten glauben“, ein Appell Timothy Snyders, aktuell einer der wichtigsten Historiker, der den Spagat von vermeintlich stabilen Demokratien hin zu einer Annäherung zum Rechtpopulismus beleuchtet. Vermehrt entwickelt sich eine Grundhaltung in der Politik, dass es darum ginge, Ehrlichkeit vorzutäuschen, um die eigene Macht zu sichern. Eben diese entstehende Akzeptanz für wunschgemäße Tatsachenbehauptungen ist jedoch das demokratiegefährdende Kriterium. Wie daraus schnell alternative Wirklichkeitskonstruktionen werden können, beschreibt Hannah Arendt vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Ideologie:

Wenn die modernen Lügen sich nicht mit Einzelheiten zufrieden geben, sondern den Gesamtzusammenhang, in dem die Tatsachen erscheinen, umlügen und so einen neuen Wirklichkeitszusammenhang bieten, was hindert eigentlich diese erlogene Wirklichkeit daran, zu einem vollgültigen Ersatz der Tatsachenwahrheiten zu werden, in den sich nun die erlogenen Einzelheiten ebenso nahtlos einfügen, wie wir es von der echten Realität her gewohnt sind?

Hannah Arendt

Eine solche alternative Weltanschauung ist bereits in Verschwörungserzählungen zu erkennen, sei es die Leugnung des Klimawandels oder im Begriff „Lügenpresse“.

Das Lügen gehört zum Leben dazu. Diese Form der Manipulation war schon immer da und wird uns auch nie verlassen, egal, auf welchen Idealen eine Gesellschaft aufgebaut sein mag. Letztendlich ist die Frage, wen du belügst. Belügst du nur deine Eltern oder vielleicht auch dich selbst? Und in der Politik, die sich Demokratie und Gerechtigkeit auf die Fahnen schreibt, haben Lügen nichts zu suchen.

Johanna Surmann

Johanna Surmann ist 19 Jahre alt und studiert Politikwissenschaften. Sie hat vielleicht ab und zu auch schonmal gelogen ...

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