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Das Schaf im Wolfspelz

Filmkritik zu “Der Passfälscher”, der seine Premiere bei der Berlinale feierte und noch bis zum 20. Januar in der Sektion Berlinale Special Gala zu sehen ist.

Filmkritik zu “Der Passfälscher”, der seine Premiere bei der Berlinale feierte und noch bis zum 20. Januar in der Sektion Berlinale Special Gala zu sehen ist.

Hitler hätte sich wohl keinen besseren ‚Arier‘ vorstellen können: Mitte zwanzig, gut gebaut, blonde Haare, Scheitel, immer ein Lächeln und eine Parole auf den Lippen. Als Cioma Schönhaus (Louis Hofmann) in einem Café von seinen angeblichen Frontkämpfen erzählt, lädt ihn ein Tischnachbar zum Essen ein. Dieser kann nicht ahnen, dass es sich bei Cioma um einen untergetauchten Juden handelt. Mehr noch: Um einen steckbrieflich gesuchter Passfälscher im Visier der Geheimen Staatspolizei.

Am 19. Juni 1943 erklärte Joseph Goebbels die Stadt Berlin für „judenrein“, doch dieser Satz war reine Propaganda. Die NSDAP war sich darüber bewusst, dass zu diesem Zeitpunkt geschätzte 7000 Juden in der Hauptstadt untergetaucht und damit der Deportation in Konzentrationslager entgangen waren. Im Geheimen führten sie ihr Leben fort und mussten hoffen, dass nicht eines Tages die Geheime Staatspolizei an der Tür klingelt. Lange fristeten ihre Schicksale ein Schattendasein. Nun wurden in den vergangenen Jahren gleich mehrere Filme über die Untergetauchten gedreht. „Die Unsichtbaren“ kam 2017 in die Kinos und inspirierte nachfolgende Produktionen wie „Last Song for Stella“ und den nun erschienenen Film „Der Passfälscher“, basierend auf den wahren Erlebnissen von Cioma Schönhaus.

Anstatt sich möglichst unsichtbar durch die Berliner Straßen zu bewegen, hat Cioma seine eigene Überlebensmethode entwickelt. Am besten versteckt sei man, indem man sich mitten ins Leben stürzt. So besorgt sich Cioma eine Marine-Uniform, nimmt an Partys teil und beginnt eine Affäre mit der ebenfalls untergetauchten Gerda (Luna Wedler). Für ihn entwickelt sich das Leben im Untergrund zu einem Spiel, bei dem er den Nationalsozialisten auf der Nase herumtanzen kann. Geld verdient er sich, indem der gelernte Grafiker Pässe fälscht. Eine ruhige Hand und akribische Perfektion sind unerlässlich. Den Stempel mit dem Reichsadler imitierte er mit auf einer Eihaut aufgetragener Tinte. Damit schafft er jüdischen Untergetauchten erst eine Überlebensgrundlage und rettet hunderte Verfolgte. Aber wird ihm seine Leichtsinnigkeit zum Verhängnis?

Zu blond, um wahr gewesen zu sein: Hauptdarsteller Louis Hofmann (rechts) auf dem Roten Teppich

Regisseurin Maggie Peren hat ihren Protagonisten noch mehr dem ‚arischen Ideal‘ angenähert, als es das reale Vorbild war. Der historische Schönhaus hatte braunes Haar und wirkte blass und kränklich. Hauptdarsteller Louis Hofmann hingegen tritt mit strahlend rote Wangen und blondem Scheitel auf. Eine Fassade, hinter der die Nationalsozialisten niemals einen Juden vermutet hätten. Dadurch verabschiedet sich der Film von der historischen Vorlage und beraubt sich seinem zentralen Konflikt, dass Schönhaus jederzeit hätte auffliegen können. Die Gefahren für untergetauchte Juden bleiben blass. Drangsalierung auf der Straße, Verrat und Deportation sind keine Szenen gewidmet. Und die fallenden Fliegerbomben sind nur Lichtflecken hinter einer Milchglasscheibe. „Der Passfälscher“ ist ein überfälliges Denkmal für einen mutigen Menschen, der bei der Rettung von 2000 Berliner Juden half – mehr aber auch nicht.

Silas Degen

Silas studiert Szenische Künste an der Universität Hildesheim. Seine Filme und Hörspiele sind meist Zeitreisen und erzählen von historischem Unrecht wie der Kinderverschickung der Nachkriegszeit und dem Hexenwahn. Journalistische Arbeit u.a. für das heute journal im ZDF, die kinema kommunal und die Hildesheimer Allgemeine Zeitung.

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