Junge Presse Journal

„Man muss beweisen, dass man Langstrecke kann“

Die Regisseurin und ehemalige Studentin der Universität Hildesheim Natalia Sinelnikova erzählt über ihr Langfilmdebüt und den Umfang mit Druck und Verantwortung

Fast zehn Jahre ist es her, dass Natalia Sinelnikova als Studentin der Universität Hildesheim den Film für sich entdeckte. Nach einer Reihe von Kurzfilmen, die mit schwarzem Humor vom Gefühl des Fremdseins erzählten, feierte nun Natalia Sinelnikovas erster Langspielfilm bei der Berlinale Premiere. „Wir könnten genauso gut tot sein“ erzählt von einer Gesellschaft, die sich in einem Hochhaus verbarrikadiert und ein eigenes Machtsystem aufgebaut hat. Inmitten einer dystopischen Welt ist dies der einzig verbliebene Ort mit Luxus und Sicherheit. Doch wer nicht nach den Regeln der Hausgemeinschaft spielt, wird verstoßen. Der Film soll im Herbst 2022 in die deutschen Kinos kommen.

Natalia Sinelnikova | Foto: privat

Zum Glück konnte die Berlinale in Präsenz stattfinden und „Wir könnten genauso gut tot sein“ auf der großen Leinwand gezeigt werden. Wie hast du das Festival unter Corona-Auflagen wahrgenommen?

Sinelnikova: Ich war sehr dankbar, dass die Berlinale stattgefunden hat, denn so richtig wird ein Film erst mit dem Publikum zum Leben erweckt. Toll, dass die Kinos mit halber Auslastung voll waren und es einen großen Run auf die Tickets gab. Aber es war aber anders, als bei der normalen Berlinale, weil wir Crewmitglieder und Schauspieler*innen wegen Corona nur bei der Premiere präsent sein durften und es ansonsten keine Q&A’s gab. Umso mehr haben die Leute dann Nachrichten mit ihren Eindrücken zum Film geschrieben, was sehr schön war.

Was war das erste Bild, das du im Kopf hattest?

Sinelnikova: Das erste Bild war auf jeden Fall das Haus. Dieses Hochhaus, wo Menschen gemeinsam leben und eine Art Dorfgemeinschaft bilden. Und daraus entstanden dann Fragen, wie die Dynamik und Gesellschaft in diesem Haus funktionieren.

Und wie hat sich das Haus als Protagonist bis zum fertigen Film weiterentwickelt?

Sinelnikova: Das Haus hat sich ganz intensiv im Zusammenspiel mit meinem Team geformt. Man hat als Regisseurin natürlich eine künstlerische Vision im Kopf: Das Hotel soll eine Oase der Sicherheit sein. Dann schaut man ganz viele Filme und sammelt Moods. Aber erst in dem Moment, wo man es am Set sieht, wird es real. Daher war ich auch beim Dreh öfter noch wie verliebt, das sind für mich die magischen Momente.

Dein Film berührt die ganz großen Themen: Es geht um den Niedergang der Gesellschaft, Dystopien, Rassismus. Damit lassen sich verschiedene gesellschaftliche und politische Entwicklungen der vergangenen Jahre in die Geschichte hineinlesen. Aber welche Konflikte waren es denn, die dich ganz besonders beeinflusst haben?

Sinelnikova: Tatsächlich finde ich es besonders spannend, was jede*r in dem Film sieht. Uns war es wichtig, offenzulassen, wo die Bedrohung liegt und sie damit eine Projektionsfläche werden zu lassen für die Ängste jeder*s Einzelnen. Sehr geprägt hat mich sicherlich die Beobachtung des Rechtsrucks in Deutschland und der ganzen Welt. Auch in Zusammenhang damit, dass meine Familie als jüdische Kontingentflüchtlinge gekommen ist und was es bedeutet, als Immigrant*in zu leben. Ab wann gehört man eigentlich dazu und wer hat das Sagen darüber? Das ist eine Hauptfrage des Filmes.

Der Erfolg des ersten Langspielfilmes ist für junge Filmemacher*innen sehr entscheidend für den weiteren Karriereweg. Wie groß war die Herausforderung im Vergleich zu deinen vorhergehenden Kurzfilmen? Und wie bist du mit dem Druck umgegangen?

Leider ist dieser Druck und Stress ein Teil des Filmemachens. Man muss beweisen, dass man Langstrecke kann. Aber wie mein Professor Andreas Kleinert immer sagt: Es ist keine Herz-OP, es ist nur ein Film. Man muss sich auch von dem Druck lösen, um am Set Ideen und Visionen haben zu können. Der beste Weg, den Druck loszuwerden, ist es, einfach zu arbeiten. Auch wenn manchmal alles am seidenen Faden hängt.

Du hast zunächst Kulturwissenschaften in Hildesheim studiert und bist dann nach Potsdam an die Filmschule Babelsberg Konrad Wolf gegangen. Was hat diesen Sprung bewirkt?

In Hildesheim hatte ich das Gefühl, ich mache alles und nichts. Und ich glaube, das teilen viele Hildesheimer*innen. Aber die Offenheit, das reflektierte Denken und der Einfluss von Theater und Bildender Kunst haben mich sehr geprägt. Film hat mich schon immer fasziniert, aber ich habe mich damals nie getraut. Irgendwann habe ich an einer Fotoausstellung teilgenommen und die Leute beobachtet, die von einem Foto zum nächsten und wieder raus gegangen sind. Und das hat mich frustriert. Mir wurde klar, dass ich Geschichten erzählen will, die das Publikum an sich bindet über einen längeren Zeitraum hinweg. Und so habe ich mit dem Filmemachen begonnen.

Als Berlinale-Filmemacherin hast du schon etwas erreicht, was für viele Filmemacher ein großer Traum bleibt. Hast du aus deiner Erfahrung noch Tipps, die du jungen Filmemacher*innen aus Niedersachsen mitgeben würdest?

Überlegt euch gut, ob ihr an eine Filmschule möchtet – das ist nämlich nicht der einzige Weg in die Branche. Bleibt euch treu und probiert Kurzfilme in ganz kleinem Rahmen aus. Einen Film macht nicht das Geld oder die Technik gut. Guckt viele Filme. Und versucht nicht darüber nachzudenken, was andere für Filme sehen wollen sondern was ihr wirklich zu erzählen habt. Und wenn etwas mal nicht klappt, liegt es nicht nur an euch: Ein Teil ist immer die Begabung und das Handwerk, aber am Ende geht es auch um Glück. Gebt also nicht auf und bleibt euch treu.

Silas Degen

Silas studiert Szenische Künste an der Universität Hildesheim. Seine Filme und Hörspiele sind meist Zeitreisen und erzählen von historischem Unrecht wie der Kinderverschickung der Nachkriegszeit und dem Hexenwahn. Journalistische Arbeit u.a. für das heute journal im ZDF, die kinema kommunal und die Hildesheimer Allgemeine Zeitung.

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