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An unsichtbaren Schnüren

Vom Rand des Tempelhofer Feldes aus sieht es so aus, als würden Riesendrachen wie von Geisterhand über das ehemalige Rollfeld des alten Hauptstadt Flughafen gleiten. Bei näherer Betrachtung kann man die dünnen Schnüre und die Menschen sehen, die die Drachen lenken. Mehrere tausend Menschen tummeln sich auf dem Gelände des Tempelhofer und schauen in den Himmel empor, um die teilweise über 30 Meter langen knallbunten Drachen zu bestaunen. Erwachsene und Kinder lassen auch ihre eigenen kleinen Drachen steigen, sodass am Himmel unzählige kleine bunte Punkte tanzen.

„So da bin ich, fragt mich aus“, sagt Jürgen van Almelo, der seit 40 Jahren Riesendrachen fliegt. Er kommt gerade von einem Termin mit dem regierenden Bürgermeister Berlins Kai Wegener. Sie haben zusammen mit den Organisatoren vor einem großen gelben Radlader-Drachen ein Foto gemacht. Solch ein großen stehenden Drachen nennt man Standflieger, erklärt Jürgen. Hinter dem Radlader stehen sieben Menschen, jeder hat einen eigenen bunten Lenkdrachen. Gemeinsam fliegen sie Formationen, indem sie an den Schnüren drehen: links und rechts, nach oben und unten, gerade oder im Kreis.

Jürgen ist 67 Jahre alt. Er kommt aus Nordhorn in Niedersachsen. Dort ist der Teil des „Nordhorn Kite Teams“. Bevor er vor einigen Jahren in Pension gegangen ist, war er Bundesbeamter für den Zoll. Jetzt kann er sich voll und ganz seinen Hobbys widmen: Angeln und Riesendrachenfliegen. Durch diese Hobbys ist er viel unterwegs.

Angesteckt habe Jürgen sich mit dem „Virus“, wie er sein Hobby selber nennt, vor über 40 Jahren in Cuxhaven, als er mit seiner Frau im Urlaub war und einem Jungen dabei zuschaute, wie er einen Lenkdrachen steigen lässt. „Das hat mich die vierzehn Tage nicht losgelassen.“ Dadurch sei zum Drachenfliegen gekommen, erst mit kleinen, dann immer größeren Drachen.

Im Hintergrund wird gerade ein Drachen in Form eines orangen Fisches vorbereitet für die Lüfte. Es weht nur wenig Wind, genügend aber, dass sich ein paar Drachenflieger ihren Fisch mit einem Industriegebläse aufpusten. Viele der fliegenden Kreaturen haben einfache Lufteinlässe eingearbeitet, sodass die Drachen sich von selbst aufblähen können.

Foto: Rieke Duhm

Van Almelo näht, wie fast alle hier, seine Drachen selbst. Sein Spezialgebiet sind die Figuren der Zeichentrickserie „Looney Tunes“. Acht Figuren habe er schon. „Duffy Duck“, eine schwarze Ente, war sein erster Drachen. Als Vorlage nimmt er sich immer zwei Plüschtiere. Eins zerschneidet er, das andere lässt er sich zur Orientierung ganz. Der ehemalige Zöllner hat rund fünfeinhalb tausend Quadratmeter an verarbeitetem Drachentuch zuhause.

Für die rund 80 Profi-Flieger seinen rund 12 bis 28 km/h, also Windstärke drei bis vier, ideal um die Figuren fliegen zu lassen. Nur durch einen Lifter, einen kleinen Drachen, der den unter sich befestigten Riesendrachen in der richtigen Position hält, funktioniert alles. Die Drachen fliegen wie von allein.

„Tobi, mach‘ mal ‘nen 360“, ruft Jürgen seinem Kumpel mit einem „Null-Wind-Drachen“ zu. Ein Null-Wind-Drachen ist ein sehr leichter Drachen, der nur durch Laufen funktioniert. Tobi dreht seinen majestätisch anmutenden Drachen durch Luft. Als etwas Wind aufkommt, schafft Tobi es, den Drachen eine Zeit gegen den Wind fliegen zu lassen.

Weltmeisterschaften gibt es nicht mehr, denn es habe zu viele Regeln gegeben, die aus der Sicht der Drachencommunity unnötig waren. „Wir brauchen nur die Bestätigung vom Publikum“, sagt der Drachen-Profi Van Almelo. Er kommt aus Nordhorn, ist aber auf Drachenfestivals auf der ganzen Welt zuhause. „Anfang des Jahres war ich in Indien auf einem Festival, doch mein liebstes ist in Frankreich.“ Dort boten ihm ein Saudi-Araber rund 16.000 USD geboten für seinen Drachen der Figur des schwarzen Zeichentrick Katers Sylvester. Jürgen lehnte ab: „Ich könnte mir zwar wieder einen solchen Drachen bauen, jedoch gäbe es den dann schon einmal. Dann wäre es kein Unikat mehr.“

Alexander Heuer

Alexander ist seit einem Jahr im Vorstand der Jungen Presse Niedersachsen. Er wohnt in der Nähe von Hameln und geht zurzeit noch zur Schule.

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