Rike Mey ist Straßenmusikerin.

Phönix

 In der Pandemie fehlt Kulturschaffenden das Publikum. Manche hören auf, andere werden kreativ. Über eine Musikerin, die um keinen Preis aufgeben wollte. 

Sobald die Inzidenzwerte sinken, fluten Menschen in die Innenstadt. Nieselregen und Sturmwarnungen scheinen ihnen nichts auszumachen, in der Einkaufsstraße herrscht ein reges Treiben. Zwischen Kinderschreien und dem Pfeifen des Windes ertönen Gitarrenklänge, dann eine Stimme. „Today is gonna be the day, that they´re gonna throw it back to you…” Wonderwall, Oasis – ein Klassiker. Eine junge Frau mit feuerroten Haaren hat mittlerweile zwanzig Menschen um sich versammelt. „By now, you shoulda somehow realised what you gotta do”, singt sie. Dann die erste Unterbrechung. Kurzer Blick auf die Schnauze eines Polizeiwagens gleich neben ihr, um die Ecke steht eine ganze Reihe. Sie erinnert ihr Publikum an die Abstandsregeln. „Das soll hier nicht nach einer illegalen Veranstaltung aussehen.” 

Seit wann sie Musik macht, kann Rike Mey nicht so genau beantworten. Gesungen hat sie schon als Kind, irgendwann kamen Instrumente dazu. Nach der Schule ein Umweg über verschiedene Ausbildungen: Pädagogik, Logopädie, Orthopädie, dann wurde es doch die Musik. Alte Bilder auf ihrem Instagram-Profil lassen auf gute Zeiten vermuten: Mey bei Hochzeiten, Mey auf Straßenfesten, Mey auf richtigen Bühnen – immer umgeben von Menschen. Seit mittlerweile über drei Jahren kann sie von der Musik leben. 2020 sollte ein Höhepunkt werden, sie war komplett ausgebucht. Dann kam die Pandemie. 

Wie viele andere Kulturschaffende kämpft sie ums Überleben, macht Straßenmusik, um ihre Miete zu bezahlen. Sie will die Musik um keinen Preis aufgeben. 

„Meine Eltern haben nie viel von meinem Berufswunsch gehalten”, sagt sie. Wegen der finanziellen Unsicherheit. Diese Seite von Kulturarbeit bekommt Mey nun zu spüren. Sie selbst habe sich doch keinen Umzug leisten können, einige ihrer Freund*innen seien sogar auf der Straße gelandet. Mit der Musik habe sie trotzdem nicht aufhören wollen, sie tourt also mit Lastenrad und Bahn durch ganz Deutschland, spielt jeden Tag ein paar Stunden in einer anderen Stadt. Einen Schlafplatz findet sie über Couchsurfing, sie macht jeden Tag mindestens einen Corona-Tests. 

Ab und zu wird sie noch für kleine Veranstaltungen gebucht, das sei aber mit vor-Pandemie-Zeiten nicht vergleichbar. 2020 war sie nur auf einer einzigen Hochzeit, musste draußen warten und durfte nur kurz singen, als das Hochzeitspaar aus der Kirche schritt.

Meistens bleibt es also bei Straßenmusik, sie lebt vom Klimpern des Kleingelds. „Die Straße ist authentisch, man merkt, was ankommt.” Zu Wonderwall tanzt ein Kind um seinen Vater herum, bei einem schnulzigen Liebeslied wippt ein alter Mann mit dem Kopf und wünscht sich danach noch “Halleluja” von ihr. Manchmal steht eine kleine Gruppe um Mey und ihr Blick schweift immer wieder Richtung Polizeiwagen; manchmal gehen die Leute an ihr vorbei, als wäre sie nicht da oder machen nur kurz ein Video mit ihrem Handy. 

Mey singt Covers und eigene Songs, einen hat sie geschrieben, als das mit der Pandemie losging. „Coronaaa, du bringst uns nicht ins Komaaa”, heißt es darin. Mey sagt, dass sie das heute immer noch so sieht. Mit ihrer Musik will sie heilen, für alle da sein, die sich aktuell allein fühlen. Sie singt: „Du schaust jetzt nach vorn, wie der Phönix neugeborn.” Sie musste sich neu erfinden, um mit dem weiterzumachen, das sie liebt. Sie ist ein Phönix.

Nach ein paar Stunden macht Mey eine Pause, kommt mit ein paar Menschen ins Gespräch, die um sie herumstehen. Ein Mann zeigt auf seine Wohnung, ganz oben in einem der Häuser gegenüber. Er habe von da aus zugehört und wollte ihr unbedingt sagen, wie schön er den Gesang fand. Mey sagt: „Heute ist mein Glückstag.” So gut laufe es fast nie. Manchmal schicke die Polizei sie schon weg, bevor sie den ersten Ton gesungen hat.

Heute Abend will sie erstmal zurück nach Bremen fahren, ein paar Tage zuhause verbringen. Dann geht die Tour weiter – jeden Tag eine neue Stadt, ein neues Risiko. Mey will sich dem stellen. Sie sagt: „Ich habe gelernt, dass es Zeitverschwendung ist, nicht zu tun, was man liebt.”

Der Text wurde im Rahmen des Reportageseminars 2021 geschrieben. Die Teilnehmenden bekamen ein offenes Thema genannt, anschließend hatten sie dreieinhalb Stunden Zeit für die Recherche, danach drei Stunden für die Niederschrift.

Lima Fritsche

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