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Jura: Das Examen nicht bestanden – und nun?

Man kämpft fünf Jahre für das eine Ziel, geht durch die Hölle und lernt früh und spät bis in die Nacht hinein. Und mit einem Schlag ist dieses Ziel weg und man selber fällt erstmal in ein tiefes Loch“, offenbart Lena Bromberger. Sie ist durch die Erste Juristische Prüfung gefallen.

Dass sie damit nicht allein ist, zeigen Zahlen des Bundesamtes für Justiz. In den Jahren 2001 bis 2018 haben durchschnittlich 29,29 Prozent aller Kandidat*innen die Pflichtfachprüfung, also das Staatsexamen, nicht bestanden. Geschieht dies Studieren-den zweimal, sind sie endgültig durchgefallen. In den meisten Bundesländern besteht sie aus sechs Klausuren und einer mündlichen Prüfung, in denen der Stoff des gesamten Studiums abgefragt wird. Theoretisch kann also jedes Rechtsgebiet dran kommen. „Die Klausuren werden alle direkt nacheinander geschrieben. “Du schreibst jeden Tag diese Fünf-Stunden-Klausuren. Das ist einfach unmenschlich und fast nicht auszuhalten“, meint Lena Bromberger. Sie offenbart: „Ich war innerlich leer, habe jegliche Struktur verloren und nicht mehr gewusst, was ich mit mir selbst anfangen soll.“

Wie soll es weitergehen?

Für die heute 26-Jährige ist nach der nicht bestandenen Prüfung eine Welt zusammengebrochen. Sie gesteht, große Zweifel an der Wahl ihres Studiengangs und vor allem auch an sich selbst gehabt zu haben. Das Geschehene zu verarbeiten, habe ungefähr ein Jahr in Anspruch genommen. Lena Bromberger ist innerhalb dieser Zeit von Würzburg nach München gezogen. Sie wollte raus und einen freien Kopf bekommen. In München habe sie einen Job als Kellnerin angenommen und angefangen, sich neue Strukturen aufzubauen. Dabei geholfen habe zum Beispiel ihr Hund. „Ich musste regelmäßig mit ihm rausgehen, das hat Ordnung in meinen Alltag gebracht“. Essentiell auf dem Weg der Besserung war für Bromberger auch der Blick über den juristischen Tellerrand hinaus. „Ich habe schon als Kind immer gerne geschrieben und irgendwann hab ich mich gefragt, warum ich das nicht zu meinem Beruf mache“, erzählt sie. So wechselte sie in den Studiengang Medien- und Kommunikationsmanagement mit Journalismus. Heute arbeitet die junge Frau als Autorin und veröffentlicht eigene Bücher. „Ich bin im Endeffekt froh, dass ich durchgefallen bin. Das klingt im ersten Moment etwas komisch, aber ich habe diese Erfahrung gebraucht, um meinen richtigen Weg zu finden.“

Bild: Lisa Grefer

Anderen Mut machen

Im November 2019 entschied Bromberger sich, ihre Erfahrungen mit der Öffentlichkeit zu teilen und ein Video über das Thema auf ihrem YouTube-Kanal “Zeilenvollerliebe” zu veröffentlichen. „Ich hätte mir damals gewünscht, auf ein Video zu stoßen, wo jemand mal ehrlich und offen über psychische Probleme spricht.“ Unter den Jurist*innen gebe es „immer einen Konkurrenzkampf und sich da einzugestehen, dass man versagt hat oder es einem schlecht geht“, sei in den Augen Brombergs nur schwierig möglich.

Eine zweite Chance

Auch Maren Sypniewski ist durch die Prüfung gefallen. Auch sie hat ein ähnliches „Durchfall-Video“ auf ihrem YouTube-Kanal „Einfach Maren“ veröffentlicht. Sie habe anderen Betroffenen zeigen wollen: „Hey du, schau mal, du bist nicht alleine!“

Die Ex-Jurastudentin bezeichnet die Examensvorbereitung als eine „extreme Zeit im Leben“. Sie beeinflusse einen sowohl „physisch als auch psychisch“. Trotzdem wagte sie einen zweiten Versuch, das Examen zu bestehen. Die Vorbereitung darauf sei hart gewesen: „Bei jeder Karteikarte, jeder Definition oder jedem Sachverhalt, den ich mir anschließend angeschaut habe, kamen direkt Zweifel auf, dass ich das sowieso nicht kann.“ Das Durchfallen habe darüber hinaus auch das alltägliche Leben der 25-Jährigen beeinflusst. „Ich hab vor vielen unbekannten Situationen Angst und denke, dass ich versagen werde. Auch wenn es nur ganz banale Sachen sind“, gesteht Sypniewski.

In solchen Situationen rät Diplom-Psychologe Ronald Hoffmann von der Universität Hamburg zu dem „Mut zum bewussten Scheitern“. Er meint damit, „die Möglichkeit des Nicht-Erfolgs als eine reale zu akzeptieren und bewusst die Erfahrung zu machen, dass die Welt nicht untergeht“. Studentin Sypniewski machte genau dies und verfolgte einen klaren Plan: die geschriebenen Examensklausuren durcharbeiten, herausfinden, woran es gelegen hat und alle Fehler analysieren. Mit dem dadurch gewonnenen Wissen habe sie gut weiterarbeiten und vorwärtskommen können.

Einige Wochen nach dem Gepräch bekam Sypniewski die Ergebnisse ihres zweiten Versuchs: Sie ist erneut und damit endgültig durchgefallen. Aktuell überlegt sie noch, was sie in Zukunft beruflich machen möchte.

So kann ein Plan B aussehen

Für diejenigen, die die Erste Juristische Prüfung auch im zweiten Versuch nicht bestehen, ist ein Studium der Rechtswissenschaften in Deutschland nicht mehr möglich. Helfen wollen in so einem Fall Volljurist Dr. Hans-Peter Bach und sein Sohn Florian, der ebenfalls Rechtswissenschaften studiert. Sie haben vor wenigen Wochen gemeinsam ein Unternehmen gegründet. Viele Betroffene fänden sich, so Hans-Peter Bach, in kompletter Ratlosigkeit wieder und seien sich nicht bewusst, welche Möglichkeiten sie haben, um auch ohne Abschluss im juristischen Bereich zu arbeiten. Dabei gebe es „über hundert Studiengänge, die etwas mit Jura zu tun haben und einige Berufsausbildungen mit juristischem Schwerpunkt“, so der 62-Jährige. Er sagt: „Wir wollen mit den Erklärvideos auf unserer Plattform Orientierung und Entscheidungshilfe bieten.“ Die Bachs zeigen, dass auch Studierende, die durch das Staatsexamen gefallen sind, nicht bei Null anfangen müssen und es andere Wege für sie gibt, ihr juristisches Handwerk und Wissen einzusetzen.

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Lisa Grefer

Lisa Grefer ist 20 Jahre alt und besucht die Universität in Göttingen. Trotz aller Horrorszenarien hat sie sich während der Recherche für das Jurastudium entschieden.

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